Schwer verständliche Texte vereinfachen – so geht’s

Können Sie das verstehen? „Die Anzeige der Geschwindigkeitsmesser darf vom Sollwert abweichen in den letzten beiden Dritteln des Anzeigenbereiches – jedoch mindestens von der 50 km/st-Anzeige ab, wenn die letzten beiden Drittel des Anzeigenbereiches oberhalb der 50 km/st-Grenze liegen – 0 bis +7 vom Hundert des Skalenstandwertes; bei Geschwindigkeiten von 20 km/st und darüber darf die Anzeige den Sollwert nicht unterschreiten.“

Sind Sie noch da? Haben Sie etwas verstanden? Wenigstens einen Teil? Wenn nicht, mögen Sie den Text noch einmal lesen? Nein?

Das kann ich gut verstehen. Sie ahnen es sicher: Es handelt sich um einen Gesetzestext, genau genommen um die Straßenverkehrsordnung, Paragraph 57. Alle, die nicht Jura studiert haben, winken bei solchen Texten entweder ab, regen sich auf oder kämpfen sich mühsam durch. Doch nicht immer kommt man damit weiter. Ich denke zum Beispiel an Menschen, die Autos entwickeln. Sie müssen verstehen, was uns der Gesetzgeber in solchen Texten sagen will, damit ihr Arbeitgeber hinterher nicht in Regress genommen werden kann.

Leicht verständlich – was ist das eigentlich?

Doch angenommen, Sie verstehen die Straßenverkehrsordnung, haben Sie schon einmal versucht, sie in „normale“ Sprache zu übersetzen? Das ist nicht einfach. Und wenn Sie jetzt denken, das fiele nur Ihnen schwer und der Grund läge darin, dass Sie vielleicht intellektuell überfordert sind, dann stehen Sie zwar nicht alleine da mit Ihrer Einschätzung, aber haben dennoch unrecht. Denn der Grund für Ihre Verständnisschwierigkeiten liegt nicht in der Sache: Nicht der komplizierte Inhalt ist das Problem, sondern die schwer verständliche Ausdrucksweise.

Eine schwer verständliche Ausdrucksweise ist durch 4 Merkmale gekennzeichnet:

  1. Kompliziertheit
  2. Ungegliedertheit bzw. Zusammenhangslosigkeit
  3. Weitschweifigkeit
  4. fehlende anregende Zusätze

Weist ein Text alle diese Merkmale auf bzw. genügend viele in ausreichender Menge, leidet die Verständlichkeit. Um Texte leichter lesbar und damit verständlicher zu machen, sollten sie also

  1. einfach geschrieben sein,
  2. gut gegliedert und/oder übersichtlich geordnet sein,
  3. kurz und prägnant sein und
  4. mit anregenden Zusätzen versehen sein.

Was heißt das?

Das Merkmal Einfachheit wird durch kurze Sätze, einfache Formulierungen und geläufige Wörter erreicht. Müssen Fachwörter verwendet werden, sollten sie erklärt werden. Außerdem sollte der Inhalt so konkret und anschaulich wie möglich dargestellt werden.

Das Merkmal Gegliedertheit wird durch logischen Aufbau der Inhalte, Gliederungselemente und übersichtliche Darstellung erreicht. Wesentliches ist von unwesentlichem gut unterscheidbar und es gibt einen roten Faden.

Das Merkmal Kürze und Prägnanz wird durch Beschränkung aufs Wesentliche, auf das Lehrziel konzentrierte und Wortsparsamkeit erreicht.

Und unter anregenden Zusätzen versteht man, dass ein Text interessant und abwechslungsreich angereichert wird, zum Beispiel durch Grafiken, Beispiele und Aufgaben. Aber auch die persönliche Ansprache der Leser gehört zu diesem Merkmal.

Diese Merkmale beziehen sich auf die formale Ebene von Texten. Man kann mit ihrer Hilfe Texte analysieren und gezielt verbessern, indem man schwer verständliche Stellen identifiziert und entschärft. Doch das Übersetzen solcher Texte wird dadurch noch nicht zum Kinderspiel. Wir müssen uns auch dem Inhalt widmen. Denn Voraussetzung für die Überarbeitung ist, dass wir verstehen, was genau gesagt wird.

Inhalte verstehen

Wenn wir solche Gesetzestexte in verständliche Sprache übersetzen möchten, können uns folgende Fragen dabei helfen:

  1. Wer spielt hier die Hauptrolle?
    Antwort: Der Geschwindigkeitsmesser in Autos, umgangssprachlich Tacho genannt
  2. Worum geht es im Großen und Ganzen?
    Antwort: Um die Abweichung vom Sollwert bei Tachoanzeigen. Das heißt, es geht um den Wert, der auf Tachos angezeigt wird, wenn das Auto ein bestimmtes Tempo fährt.
  3. Worum geht es genau?
    Antwort: Darum, wie viel Abweichung von der tatsächlich gefahrenen Geschwindigkeit ein Tacho anzeigen darf.
  4. Wie wird das (diese Abweichung) definiert?
    Antwort: Das hängt von der tatsächlich gefahrenen Geschwindigkeit ab und dem Höchstwert, den ein Tacho anzeigen kann. Um die Anwendung des Gesetzes zu vereinfachen, wird die Tachoanzeige in Drittel geteilt und ein Mindestwert definiert (50 km/st).
  5. Was heißt das im Einzelnen?
    Antwort: Wird in der Übersetzung (siehe unten) gegeben.

Bei Texten, in denen Zahlen eine Rolle spielen, kann es außerdem hilfreich sein, eine Skizze anzufertigen. Eine solche Skizze könnte in unserem Beispiel so aussehen.

Und zum Schluss das Ergebnis dieser schweißtreibenden Übersetzungsarbeit:

„Straßenverkehrs-Zulassungsordnung: Um wie viel Prozent darf eine Tachoanzeige von der tatsächlich gefahrenen Geschwindkeit abweichen?

  1. Für den Bereich von 0 bis 20 km/st bestehen keine Vorschriften.
  2. Ab 20 km/st darf der Tacho nicht weniger
  3. Für Tachos, deren Skala bis 150 km/st reicht, gilt: Sie dürfen in den beiden letzten Dritteln des Anzeigenbereiches höchstens um 7 Prozent ihres Skalenendwertes mehr
  4. Wenn der Tacho über 150 km/st reicht, beginnt die 7-Prozent-Regelung schon ab 50 km/st.“

Zusätzlich könnte man für einzelne Aussagen noch Beispiele anführen.

Und? Konnten Sie das jetzt besser verstehen?

Das Textbeispiel, die Skizze und die Verständlichkeitsmerkmale sind dem Buch von Langer, Schulz von Thun und Tausch „Sich verständlich ausdrücken“, erschienen im Reinhardt Verlag, entnommen: http://www.reinhardt-verlag.de/de/titel/51757/Sich_verstaendlich_ausdruecken/978-3-497-02532-9/## In diesem Buch werden die Bausteine des Hamburger Verständlichkeitskonzepts https://de.wikipedia.org/wiki/Hamburger_Verst%C3%A4ndlichkeitskonzept## vorgestellt, auf das wir in diesem Blog schon öfter verwiesen haben.

Ähnliche Beiträge:

In diesem Blog haben wir uns schon einige Male dem Thema Verständlichkeit von Texten gewidmet. Zum Beispiel hier http://www.wissenskurator.de/693-2/, hier http://www.wissenskurator.de/online-tools-zur-textverstaendlichkeit-im-selbsttest/ und hier http://www.wissenskurator.de/ein-wirkungsvoller-text-schreibt-sich-nicht-von-allein/#more-521.

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