„Zerstören soziale Netzwerke unser gesellschaftliches Gefüge?“

Mit diesem Titel initiierte die Süddeutsche Zeitung Ende Dezember 2017 eine Leserdiskussion [1] Unter den Lesern entspinnt sich eine an sich lesenswerte Diskussion, die sich  – da nicht moderiert – immer weiter von der Frage entfernt. Allerdings muss man zugeben, dass die Frage auch schwer zu beantworten ist. Denn was ist unter dem „gesellschaftlichen Gefüge“ zu verstehen, das da durch soziale Netzwerke (gemeint waren wahrscheinlich soziale Medien und das Internet) zerstört werden soll. Eine Antwort könnte die Forschung zum „sozialen Kapital“ liefern.

Soziales Kapital ist wichtig für die Gesellschaft

Der Begriff ’soziales Kapital‘ wird unterschiedlich definiert. [2] Eine sehr umfassende Definition  stammt z. B. von David Halpern. Danach ist soziales Kapital jedes soziale Gefüge, das noch nicht zu einer formellen Institution „erstarrt“ ist und das Kooperation und zwischenmenschliches Vertrauen erleichtert. [3] Robert Putnam stellt mehr auf die Bestandteile dieses sozialen Gefüges ab. Für ihn besteht soziales Kapital aus den Verbindungen in einem sozialen Netzwerk und den Normen wie Reziprozität und dem Vertrauen, die daraus folgen. [4a]

In vielen Studien wurden die positiven Auswirkungen von sozialem Kapital untersucht. Sie zeigen sich nicht nur auf der Makroebene (z. B. Demokratiefähigkeit Leistungsfähigkeit von sozialen Institutionen, positive Wirtschaftsentwicklung), sondern auch auf Meso- und Mikroebene (moralischeres Verhalten, höhere Kooperationsbereitschaft, bessere kognitive und soziale Entwicklung von Kindern etc). [2] Putnam hebt aber hervor, das soziales Kapital, wie jede andere Form von Kapita,l auch auf böswillige, unsoziale Zwecke ausgerichtet werden kann. [4a] Außerdem sind kompensatorische und verstärkende Prozesse zwischen den Ebenen möglich. z.B. wenn Prozesse auf der Mikroebene (etwa. eine Lockerung der familiären Bindungen) von Institutionen (Mesoebene) aufgefangen werden. [3]

Zentral für das Verständnis von sozialem Kapital ist, dass es in zwei Formen vorkommt, und zwar als bonding (verbindendes) und als bridging (überbrückendes) social capital. [4a]

  • Verbindendes soziales Kapital bezeichnet Bindungen, Normen, Vertrauen in Gruppen ähnlicher Personen. Eine Zunahme muss sich nicht ausschließlich positiv auswirken, etwa dann, wenn sich eine Gruppe gegen andere abschottet.
  • Überbrückendes soziales Kapital schafft Verbindungen zwischen Gruppen und/oder deren Mitgliedern. Aus der Sicht des Individuums kann das bedeuten, dass es auch Zugang zu den Ressourcen einer anderen Gruppen hat. Außerdem ist es besonders nützlich, wenn verschiedene Gruppen vor einer gemeinsamen Herausforderung stehen. [3]

Auch zwischen den Bestandteilen sind einander verstärkende oder kompensierende Prozesse möglich. Der Nettoeffekt ist dann ungewiss.

Soziales Kapital ist eine variable Größe

Soziales Kapital kann in einer Gesellschaft im Zeitverlauf oder von Gesellschaft zu Gesellschaft [5] variieren. Hier interessieren besonders die Veränderungen im Zeitverlauf.

2001 erschien das Buch ‚Bowling alone‘. Darin legte Robert Putnam dar, dass das Sozialkapital der US-amerikanischen Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts dramatisch eingebrochen war. Während sich bis in die 60 Jahre die US-Amerikaner  immer stärker gesellschaftlich engagierten, hatte sich der Trend im letzten Drittel konsequent umgekehrt. Gehe aber die Beteiligung am öffentlichen Leben zurück – so Putnam -,  sei die Demokratie in Gefahr. [4a] Putnam hatte beobachtet, dass seit 1960 in den USA die Teilnahme an sozialen Netzwerken und  Organisationen (z. B. Mitgliedschaft in kirchlichen Gruppen, bei Gewerkschaften/Parteien, Pfadfinder etc.) gesunken war im Gegensatz zum Anstieg anderer Organisationen und Gruppierungen, (z.B. Umweltvereine, Non-Profit-Organisationen wie Stiftungen und Selbsthilfegruppen). Die neuen Organisationsformen ersetzen die alten aus Putnams Sicht aber nicht gleichwertig, weil die Mitgliedschaft in den neuen viel weniger intensiv ist. Sie beschränkt sich darauf Mitgliedsbeiträge zu zahlen, statt Aufgaben in einer Gemeinschaft zu übernehmen [4a]. Putnam machte eine ganze Reihe an Faktoren dafür verantwortlich (den Anstieg des Bildungsniveaus, den Anstieg der durchschnittlichen Arbeitszeit, den Wohlfahrtsstaat, die steigende räumliche Mobilität etc.) vor allem aber das Fernsehen. [4b]

Fernsehen zerstört soziales Kapital durch die Veränderung des Freizeitverhaltens. Mit seinem hohen Anteil am Zeitbudget verhindert es  soziale Beteiligung, führt durch eine Überschätzung der Kriminalität zu einem damit einhergehenden Vertrauensverlust und fördert die Aggressivität vor allem bei Kindern. [2] Sowohl der Befund [6] als auch die Ursachenanalyse blieben in der Folge nicht unwidersprochen. Pippa Norris stellt z. B  fest, dass Fernsehen pauschal nicht unbedingt einen negativen Effekt auf soziales Kapital und ziviles Engagement haben muss. Es kommt auf das Nutzungsverhalten an. [7] Das dürfte aber auch für die Nutzung des Internets und der sozialen Medien gelten. Denn einerseits unterstützt die Nutzung digitaler Medien tendenziell das soziale Kapital von Gruppen, da sie soziale Beziehungen ermöglicht. Andererseits kann sie das soziale Kapital auch reduzieren, wenn Menschen sich aus realen sozialen Netzwerken zurückziehen. Kausale Zusammenhänge herzustellen ist schwierig, da reale und virtuelle soziale Kontakte miteinander verwoben sind. [8] Alles in allem ist es also nicht verwunderlich, dass je nach Untersuchungsdesign unterschiedliche Ergebnisse für die Zusammenhänge von sozialen Medien und sozialem Kapital gefunden wurden. [9] Ich möchte aber zwei Aspekte herausgreifen.

Internet und soziale Medien fördern Extremisierung und Polarisierung

Die Engagement-Mechanismen von Social-Media-Seiten (z. B. das Like oder Teilen bei Facebook) können dafür verantwortlich sein, dass die Menschen immer extremer denken und kommunizieren. Kozinets et al. wiesen das im Bereich Food-Porn nach. Sie beobachteten, dass die Bilder von Burgern und Kuchen immer extremer wurden. Offenbar versuchten die Leute im Laufe der Zeit einander mit immer extremeren Bildern zu übertreffen, um überhaupt noch Feedback auf die eigenen Posts zu bekommen. Das vormals Extreme wird dadurch zur neuen Norm. Die Forscher folgerten daraus, dass soziale Medien für Polarisierung und Extreme gebaut seien. [10] Diese Tendenz wird durch Algorithmen verstärkt, die den Nutzern den ohnehin schon beliebten Content auch noch bevorzugt anzeigen. Auch das Phänomen der Gruppen-Polarisation lässt sich im virtuellen Raum nachweisen. Menschen werden in ihren Überzeugungen umso extremer, je mehr Zeit sie damit verbringen, über sie nachzudenken oder zu sprechen. [11] Das erklärt, warum sich zu manchen Themen der Ton von Verärgerung zu offenem Hass steigert. Wiederholung verstärkt die Wut. Extremisierung und Gruppenpolarisation steigern vielleicht das verbindende Sozialkapital, nicht aber das überbrückende.

Internet und soziale Medien bieten ein hoch kuratiertes Nutzungserlebnis

Ein weiterer Faktor, der allenfalls das verbindende, nicht aber das überbrückende Sozialkapital stärken dürfte, sind die Filtermöglichkeiten. Online-Medien erlauben es uns nicht nur zu entscheiden, mit wem wir uns verbinden, wir können auch die Inhalte filtern, mit denen wir uns beschäftigen wollen. In den USA haben z. B.  31 % der Social-Media-Nutzer ihre Einstellungen geändert, um weniger Beiträge von jemandem in ihrem Feed zu sehen. [12] Algorithmen verstärken diesen Effekt wiederum, indem sie aus unserem Verhalten darauf schließen was wir wollen und uns das bevorzugt anzeigen. Wer sich über einen solchen Feed informiert, macht in der Regel also eine hoch kuratierte Erfahrung. Das gilt wieder besonders für US-Nutzer; denn laut Pew Research Center sind in den USA 62 % der Erwachsenen für ihre Nachrichten auf soziale Medien angewiesen. Davon sind 44% in erster Linie auf Facebook angewiesen und 64 % werden bei der Nutzung von Nachrichtenmedien auf einer Social Site bleiben. [13]

Auf den Punkt gebracht

Kommen wir am Schluss auf die eingangs gestellte Frage zurück. Angesichts des komplexen Konstrukts ‚soziales Kapital‘ und angesichts der vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten von Internet und sozialen Medien wird schnell klar, dass es keine pauschale Antwort geben kann. Auch wenn zwei Ereignisse wie der Aufstieg des Internets und der Rückgang des sozialen Kapitals zur selben Zeit auftreten, heißt das nicht, dass das eine das andere bewirkt. Beides kann z. B. zufällig korrelieren oder eine gemeinsame dritte Ursache haben.

Die Frage ist aber auch vermutlich nicht richtig gestellt. Meines Erachtens macht es mehr Sinn zu fragen, wie das Internet und die sozialen Medien das gesellschaftliche Gefüge beeinflussen. Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass sie vor allem das verbindende soziale Kapital stärken. Wenn aber die Gruppen enger zusammenrücken, werden die Abstände zwischen ihnen größer, das überbrückende soziale Kapital, das für die Bewältigung gemeinschaftlicher Aufgaben wichtig ist, wird schwächer. Die entscheidende Frage lautet daher, wie kann man das überbrückende soziale Kapital stärken und welchen Beitrag können das Internet und die sozialen Medien dazu leisten?

Weiterführende Hinweise

[1] Süddeutsche Zeitung (16.12.2017) Zerstören soziale Netzwerke unser gesellschaftliches Gefüge? (Link)

[2] Haug, S. (1997). Soziales Kapital – Ein kritischer Überblick über den aktuellen Forschungsstand (No. Arbeitspapiere Arbeitsbereich II / 15). (Link)

[3] Halpern, D., 2005, Social Capital, Polity Press, Cambridge, UK

[4a] Putnam, R. D. (2001). Bowling alone: The Collapse and Revival of American Community. New York.

[4b] Putnam, R. D. (1995). Tuning in, tuning out: The strange disappearance of social capital in America. Political Science and Politics, 28, 664-683.

[5] Sarracino, F., & Mikucka, M. (2015). Social capital in Europe from 1990 to 2012: trends, path-dependency and convergence. (Link)

[6] Clark, A. K. (2015). Why we need to think again about the decline in social capital (Link)

[7] Norris, P. (1996). Does Television Erode Social Capital? A Reply to Putnam. PS: Political Science and Politics (Vol. 29).(Link)

[8] Rasmussen, T. (2014). Personal media and everyday life: A networked lifeworld.

[9] Carmichael, D. , Archibald, J. & Lund, g. (2015). Social Capital Theory in Social Media research. (Link)

[10] Kozinets, R., Patterson, A., & Ashman, R. (2016). Networks of desire: How technology increases our passion to consume. Journal of Consumer Research, 43(5), 659-682. (Link)

[11] Cass Sunstein 2011 The Daily We – Is the Internet really a blessing for democracy? Boston Review (Link)

[12] Duggan, M. & Smith, A. (2016) The Political Environment on Social Media Pew Research Center 25.10.2016 (Link)

[13] Gottfried, J. & Shearer, E. (2016) News Use Across Social Media Platforms 2016 Pew REsearch Center (26.5.2016). (Link)

 

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