Was macht der Kampf um Aufmerksamkeit mit der Glaubwürdigkeit von Inhalten?

Alternativtext

Wie macht man sich bemerkbar, wenn alle anderen auch laut „Hier“ rufen? Indem man sich ins Getümmel stürzt, mitruft und hektisch mit den Armen wedelt? Antworten auf diese Frage werden verzweifelt gesucht: von Redaktionen, Unternehmen, Aktivisten, Bürgerinnen und Populisten. Sie alle schreiben Inhalte ins Netz und versuchen nach den Gesetzen des Internets möglichst viele Klicks zu bekommen. Doch welche Folgen hat es, wenn man den Wert eines Inhalts allein durch die Anzahl von Klicks bestimmen lässt?

Die Aufmerksamkeitsökonomie des Internet

Ohne Zweifel: Die Währung des Internets ist die Aufmerksamkeit der User. Gemessen wird der Aufmerksamkeitspegel in Klicks. Je mehr Klicks, desto relevanter ist der Beitrag, so die Netz-Logik. Verlage und Medienunternehmen, die sich mit Werbung finanzieren, wollen so viele Klicks wie möglich für ihre Beiträge. Denn jeder Klick ist Geld wert. Das finden auch die Suchmaschinen, die gutgehende Beiträge höher ranken.

Die Folge ist, dass es immer wichtiger wird, wie ein Inhalt präsentiert wird, also wie er wahrgenommen wird. Die Frage, ob er objektiv richtig ist, verliert hingegen zunehmend an Bedeutung.

Fragen wie:

  • Knallt die Überschrift?
  • Zieht der Einleitungstext (Lead) die Leser in den Text?
  • Wie lange bleiben Leser auf unserer Seite?
  • Wie oft wird der Beitrag in den sozialen Medien geteilt? oder
  • Wie viele Leser schließen nach dem Lesen ein (Probe-)Abo ab?

werden wichtiger als:

  • Hält der Text, was die Überschrift verspricht?
  • Stimmen die Fakten?
  • Ist der Inhalt relevant für meine Leser? oder
  • Wird das Thema ausgewogen dargestellt?

Informationen brauchen im Netz die richtigen Suchbegriffe, damit sie gefunden werden. Sie brauchen die richtigen Hashtags, damit sie geteilt und in die passende Kategorie eingeordnet werden. Sie brauchen die richtige Visualisierung, damit sie schneller erfasst werden. Und sie brauchen eine Knaller-Zusammenfassung – eine Headline, mit der sie die nötige Aufmerksamkeit erzielen und ein perfekt getextetes Snippet, das in der Suchmaschine unter dem Eintrag erscheint. Erst alles zusammen eröffnet dem Text, der Nachricht oder der Botschaft die Chance, gelesen, behalten und berücksichtigt zu werden.

Informationen vs. Wissen

Die Zeit, in der hauptsächlich Journalisten eine Gesellschaft informierten, ist vorbei. Jeder und jede kann im Internet Informationen veröffentlichen. Das ist zuerst einmal ein Fortschritt, weil damit auch solche Informationen mehr Öffentlichkeit bekommen können, die es zuvor schwer hatten, an den Gatekeepern vorbei zu kommen. Das heißt, mehr Inhalte, die nicht für alle interessant sind, sondern nur für einen Teil der Gesellschaft, werden öffentlich. Das sorgt dafür, dass im Prinzip Informationen leichter überprüfbar werden. Ob Behauptungen wirklich stimmen, kann somit jeder, der das Internet nutzt, leichter herausfinden.

Doch mittlerweile hat sich eine Befürchtung bestätigt, die seit den Anfängen des Internet diskutiert wurde: Mit der Informationsflut steigt nicht das Wissen, sondern die Verwirrung. Das Vertrauen in Inhalte nimmt ab. Übrigens nicht erst, seitdem ein überführter Lügenbaron im Weißen Haus regiert.

Faktenbasierte Nachrichten mischen sich im Internet mit emotionalisierten Inhalten. Das Erzählen von Geschichten, eine Kulturtechnik der Menschheit, birgt in ihrer digitalen Form neue Gefahren. Und ob ein Inhalt echt ist oder nicht, ob er neutral ist oder Propaganda, lässt sich auf den 1. Blick nicht mehr so leicht beurteilen. Selbst die Autorenschaft kann verschleiert werden.

Was ist die Wahrheit?

Der Kampf um Aufmerksamkeit sorgt dafür, dass die Emotionalisierung von Inhalten ständig zunimmt. Jeder Internetinhalt will eine Wahrheit sein. Deshalb kann die Frage, was von all dem Widersprüchlichen denn nun stimmt, welches die eigentliche Wahrheit ist, nicht mehr im Vorübergehen beantwortet werden. Wir beklagen das Verschwinden der Wahrheit, während das größere Problem ist, dass wir tagtäglich zu viele Wahrheitsbehauptungen in unseren Timelines finden. Welche davon tatsächlich auf Fakten beruht, wird immer schwerer herauszufinden – weil es zunehmend mehr Zeit in Anspruch nimmt. Das schnelle Konsumieren von Nachrichten ist zum Problem geworden. So kommt es, dass viele Menschen ratlos werden: „Ich weiß langsam nicht mehr, was man noch glauben kann.“

Das stellt die Macherinnen und Macher von seriösen Informationsangeboten vor große Herausforderungen. Sollen sie ihre Fakten emotionalisieren, damit sie in diesem Krieg der Aufmerksamkeit noch wahrgenommen werden oder setzen sie auf die Macht der Fakten, auf die Gefahr hin, für immer in der Nische zu schlummern?

Hier hilft Schwarz-Weiß-Denken nicht weiter. Weder sollten faktenbefreite, emotional aufgeladene Beiträge als Nachrichten bezeichnet werden, noch sollten wir uns durch spaßbefreite Bleiwüsten lesen müssen. Die multimedialen Möglichkeiten des Internet, die algorithmenbasierte Informationsverteilung und das Verschwimmen der Rolle von Sendern und Empfängern ist gerade dabei, Gesellschaften zu verändern. Vielleicht sogar Nationalstaaten oder Staatengefüge. Die Auswirkungen werden wir erst im Rückblick besser beurteilen können. Fest steht nur: Die Verantwortung des Einzelnen steigt – sowohl in der Rolle des Senders als auch in der des Empfängers.

Kann ein Verhaltenskodex gelingen?

Wollen die Sender von Inhalten auf lange Sicht glaubwürdig sein, müssen sie sich damit beschäftigen, wie sie den steigenden Aufwand, der für faktenbasierte Inhalte entsteht, wirtschaftlich absichern können. Mehr und mehr Onlinemagazine und Zeitungsverlage legen deshalb zumindest einen Teil ihrer Informationen hinter Bezahlschranken. So stellen sie sicher, dass sie nur von den Menschen gelesen werden, die sich für diese Inhalte interessieren – und dafür bezahlen. Sie binden ihre Leserschaft stärker an und beteiligen sie in vielen Fällen auch.

Damit werden sie frei vom Druck, so hohe Klickzahlen generieren zu müssen, das genügend Werbegeld fließt. Das gute alte Genossenschaftsmodell kommt so zu neuer Blüte. Beispiel: Das Onlinemagazin Krautreporter. Solche Formate sind nicht mehr so stark darauf angewiesen, sich an die Spielregeln der Aufmerksamkeitsökonomie zu halten. Ein Modell, das Schule machen könnte.

Doch natürlich gibt es auch eine Kehrseite: Das Kostenlosprinzip des Internet ist auch ein riesiger Demokratisierungsmotor. Inhalte als Allgemeingut wirken inklusiv: Alle können mitmachen. Damit die positive Wirkung dieses Prinzips nachhaltig greifen kann, müssen sich jedoch auch die Empfänger von Inhalten darauf verständigen, wie sie die Glaubwürdigkeit von Inhalten stärken können. Einfache Regel dazu: Nur, wenn man einen Inhalt für glaubwürdig hält, sollte man ihn weiterverteilen. Wie man richtige von falschen Informationen unterscheiden kann, kann man im Beitrag „Was sind Fake News und wie kann man sie erkennen?“ nachlesen.

Das bedeutet in der Praxis: Die Informationsverteilung verlangsamt sich deutlich. Schnelles Konsumieren nimmt ab, es wird wieder wichtiger, Inhalte richtig einzuordnen.

Auf den Punkt gebracht

Die Aufmerksamkeitsökonomie des Internet hat eine Krise der Glaubwürdigkeit und des Wissens hervorgerufen. Die Verantwortung des Einzelnen – sowohl in der Rolle des Senders als auch in der des Empfängers – ist damit gewachsen. Die Frage, wie sich Medienmacher und Medienkonsumenten so verhalten können, dass das Vertrauen in faktenbasierte Informationen steigt, wird immer wichtiger. Mit einfachen Regeln können Internetnutzer zu mehr Glaubwürdigkeit im Netz beitragen. Auf Medienmacher kommen größere Umbauprozesse zu. Journalistische Prinzipien werden wieder wichtiger.

Weiterführender Hinhweis

„Die Wahrheit ist umkämpfter denn je“ Interview mit Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler https://www.jetzt.de/social-media/bernhard-poerksen-ueber-2017-das-jahr-der-fake-news

 

 

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