Storytelling – Das Gehirn will Geschichten

Gehirn

Psychologen wissen es schon länger: Erzählungen sind ein grundlegendes Organisationsprinzip des Gedächtnisses. Dabei geht es nicht so sehr um Akkuratheit, als vielmehr um Kohärenz. Wie stark der immanente Drang ist, eine Geschichte kohärent zu „erzählen“ kann man daran erkennen, dass das Gedächtnis Lücken notfalls mit Fiktion schließt. Vor Gericht kennt man das, wenn Augenzeugen im vollen Brustton der Überzeugung verschiedene Versionen derselben Geschehnisse erzählen. Im Marketing ist man im Zuge des „Neuro-Hypes“ ebenfalls darauf gestoßen. Hier heißt es Storytelling. Aber warum scheint unser Gehirn Geschichten bevorzugt zu behandeln?

Geschichten aktivieren das Gehirn umfassend

Geschichten – im Gegensatz zu reinen Fakten – aktivieren große Teile des Gehirns. Dazu gehören vor allem das Broca-Zentrum (Grammatik und Sprachverständnis) und das Wernicke-Zentrum (sensorische und logische Sprachverarbeitung). Darüber hinaus werden aber auch weitere Bereiche aktiviert, die das assoziative Denken unterstützen und für die Verarbeitung von Sinneseindrücken zuständig sind. Außerdem werden Ereignisse emotional bewertet: Schmerzen, aber auch Lust und Liebe sind hier verortet und die Fähigkeit zur Empathie. Diese Bereiche sind immer auch dann in Aktion, wenn wir etwas real erleben. Je mehr Gefühle eine Geschichte auslöst, desto intensiver ist dieses Erleben.

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Geschichten lösen aber auch körperliche Reaktionen aus: Sie lassen uns lachen oder weinen, sie erhöhen den Puls oder treiben uns den Schweiß auf die Stirn – Reaktionen, die durch Botenstoffe, wie zum Beispiel Dopamin („Glückshormon“), Cortisol („Stresshormon“) und Oxytocin („Kuschelhormon“) beeinflusst werden.

Geschichten machen Fakten erlebbar

Außerdem sind Spiegelneuronen bei der Rezeption von Geschichten aktiv. Sie sind immer beteiligt, wenn Menschen verstehen, nachvollziehen, nachahmen und miterleben. Und schließlich werden Geschichten im episodischen Langzeitgedächtnis gespeichert, in dem wir die Erinnerungen an persönliche Erlebnisse und unsere Erfahrungen aufbewahren.

Geschichten eignen sich also nicht nur besonders gut, um komplexe Muster und Botschaften verständlich zu vermitteln. Mit Geschichten schafft man es auch

  • Werte und Haltungen zu transportieren,
  • Empathie und Emotionen auszulösen,
  • Identifikation zu schaffen und
  • all das langfristig im Gedächtnis zu hinterlegen.

Übersicht

Geschichten Informationen
aktivieren eine umfassende Verarbeitung aktivieren vor allem die rationale Verarbeitung
nutzen einfache Konzepte und eine simple Sprache nutzen oft abstrakte Konzepte in einer schwierig zu verarbeitenden Sprache
lassen sich einfach erinnern sind schwierig abzurufen
haben Akteure, die die Möglichkeit zur Identifikation bieten bieten keine Identifikationsmöglichkeit
berühren uns unmittelbar haben für sich noch kein emotionales Potenzial
folgen einem genrespezifischen Verlauf und haben einen Spannungsbogen haben eine logische Abfolge
können uns unmittelbar motivieren haben für sich noch kein Motivationspotenzial

1 Kommentare

  1. Pingback: Warum unser Gehirn Geschichten liebt - Narratives Management

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