Beeinflusst das Lesen auf Bildschirmen unser Denken?

Wir beeinflussen mit unserer Technologie die Umwelt. Aber das ist keine Einbahnstraße. Die Technologie in unserer Umwelt wirkt auf uns zurück. Sie ändert ganz buchstäblich unser Denken. Und damit sind nicht nur Gedanken und Einstellungen gemeint, sondern unsere grundlegenden Denkprozesse. So macht es einer aktuellen Studie zufolge einen Unterschied, ob wir Informationen auf Papier oder am Bildschirm aufnehmen. Je nach dem werden verschiedene Prozesse der Informationsverarbeitung gefördert.

Bis Anfang der 1990er Jahre kamen die meisten Studien zu dem Schluss, dass die Menschen langsamer, weniger genau und weniger umfassend auf Bildschirmen als auf dem Papier lesen. Zunächst glaubte man, die mangelnde Nutzererfahrung mit Bildschirmen sei dafür verantwortlich. Später konnte das Phänomen auf die Wiedergabequalität auf der Bildschirme zurückgeführt werden. (1)

Präferenz für Papier scheint sich hartnäckig zu halten

Seither hat sich die Qualität von Computer-Monitoren und Displays erheblich verbessert. Jüngere Studien kommen daher eher zu inkonsistenten Ergebnissen oder finden gar keine Unterschiede zwischen den Medien. Dennoch hält sich hartnäckig eine gewisse Präferenz für Papier. In einer Untersuchung aus 2013 wurden Augenbewegung, Hirnaktivität, Lesegeschwindigkeit und Leseverständnis beim Lesen auf Papier, auf einem E-Reader (E-Ink) und einem Tablet-Computer verglichen. Interessanterweise gaben alle Teilnehmer vorher an, dass sie auf dem Papier lieber lesen würden. Die Studie selbst lieferte keine Anhaltspunkte dafür, dass digitale Medien z.B. anstrengender wären. Im Gegenteil, die älteren Teilnehmer lasen schneller und mit weniger Aufwand auf dem Tablet-Computer. Denn die Hintergrundbeleuchtung bietet gerade älteren Augen einen besseren Kontrast. Warum dann die Präferenz für Papier? Die Autoren tippen auf „eine allgemeine kulturelle Haltung“ gegen das Lesen auf Bildschirmen. (2)

Papier und Bildschirm wirken unterschiedlich auf die Informationsverarbeitung

Interessant ist, dass es auf einer ganz anderen Ebene dennoch Unterschiede zwischen dem Lesen auf Papier und am Bildschirm zu geben scheint. Und diesmal ist es gerade die Leseleichtigkeit (fluency) auf modernen Bildschirmen, die kritisch bewertet wird. (3) So wird argumentiert, dass es mittlerweile zu einfach sei, am Bildschirm zu lesen. Denn manchmal erinnern wir uns an Informationen besser, wenn sie schwerer zu verarbeiten waren. So konnte gezeigt werden, dass maßvolle “disfluency” tatsächlich die Behaltensleistung verbessert, weil die Informationen genauer verarbeitet werden und sich die Menschen tiefer mit dem Inhalt auseinandersetzen. (4) Und dieser Effekt zeigt sich nicht nur beim Leseverstehen. So ist es für das Lernen weniger effektiv, wenn sich Studenten Notizen in Vorlesungen auf dem Laptop machen statt mitzuschreiben. Der Königsweg ins Hirn scheint immer noch über die rechte (respektive linke) Hand zu führen. (5)

Und noch ein weiterer Effekt wurde jüngst entdeckt: Wer auf Tablets und Laptops liest, neigt dazu, sich eher auf konkrete Details zu konzentrieren, und weniger dazu, Informationen abstrakt zu verarbeiten. So beantworteten in einer Studie 66 Prozent der Print-Leser Fragen, die ein abstraktes Verständnis erforderten, richtig, während nur 48 Prozent der Digital-Leser die Fragen korrekt beantworteten. Fragen nach konkreten Inhalten beantworteten Digital-Leser zu 73 Prozent korrekt, während Print-Leser 58 Prozent richtig beantworteten. (6)

Wenn sich dieses Ergebnis in weiteren Studien erhärten sollte, dann beeinflussen digitale Medien offenbar WIE wir Informationen verarbeiten. Das könnte langfristige Konsequenzen haben. Denn abstraktes Denken lässt uns nicht nur “das große Ganze” erkennen, sondern auch längerfristige Konsequenzen. Abstraktes Denken ist zudem mit Empathie und Kreativität verbunden. Es ist konkretem Denken allerdings nicht per se überlegen. Beide Wege, Informationen zu verarbeiten, sind für eine optimale kognitive Leistung nötig.

Innovationen müssen richtig eingeführt werden

In manchen (asiatischen) Ländern sind Computer bzw. Tablets schon fest in den Schulunterricht integriert. Die Ergebnisse sind laut einer OECD-Studie aus 2015 – vor dem Hintergrund der hier beschriebenen Erkenntnisse – wenig überraschend: Die Lernleistungen verbesserten sich nicht per se mit den digitalen Medien. Es kam vielmehr entscheidend darauf an, wie die digitalen Medien im Unterricht verwendet wurden. (7) Wie so häufig macht es wenig Sinn, den Leuten einfach ein neues Tool in die Hand zu drücken, man muss sie auch in die Lage versetzen, es zu nutzen.

Literaturquellen:

  1. Noyes, J. M., & Garland, K. J. (2008). Computer-vs. paper-based tasks: Are they equivalent?. Ergonomics, 51(9), 1352-1375.
  2. Kretzschmar, F, Pleimling, D, Hosemann, J, Füssel, S, Bornkessel-Schlesewsky, I and Schlesewsky, M (2013). Subjective Impressions Do Not Mirror Online Reading Effort: Concurrent EEG-eyetracking Evidence From the Reading of Books and Digital Media. PLOS ONE 8(2): e56178.DOI: http://dx.doi.org/10.1371/journal.pone.0056178
  3. Benartzi, S., & Lehrer, J. (2015). The smarter screen: Surprising ways to influence and improve online behavior. Portfolio.
  4. Connor Diemand-Yauman, Daniel M. Oppenheimer, and Erikka B. Vaughan. Fortune favors the Bold and (the Italicized). Effects of Disfluency on Educational Outcomes. Cognition 118.1 (2011): 111-115.
  5. Mueller, P. A., & Oppenheimer, D. M. (2014). The pen is mightier than the keyboard advantages of longhand over laptop note taking. Psychological science, doi:10.1177/0956797614524581.
  6. Kaufman, Geoff; Flanagan, Mary(2016). High-Low Split: Divergent Cognitive Construal Levels Triggered by Digital and Non-digital Platforms. #chi4good, CHI 2016, San Jose, CA, USA
  7. Sadegh, Marvin (2015). Pisa-Studie – Computer machen den Unterricht nicht automatisch besser. Die Zeit

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