Storytelling – oder warum wir misstrauisch werden sollten, wenn uns andere Geschichten erzählen wollen

Geschichten zu erzählen (Storytelling) ist eine sehr kraftvolle Art, die eigene Botschaft zu verbreiten – daher auch der Hype um Storytelling gerade in Wirtschaft und Politik. Das liest sich dann z. B. so:

„The most successful companies in the world have profound stories behind them (often deeply tied to their founders) that instill a sense of bigger purpose and meaning into what they do. For example, Apple, Tesla and Google are so much more than companies – they are legacy brands created by visionaries who aspire(d) to change the world.“

Die meisten dieser „profound stories“ gehören aber in den Bereich der hagiografischen Erbauungsliteratur für Führungskräfte. Sie sind post-hoc-Rationalisierungen, in denen im Nachhinein das Zusammenspiel von Talent und (glücklichen) Zufällen als das Werk eines von visionärer Weitsicht geleiteten Unternehmers gedeutet wird.

Woher aber nehmen Geschichten diese Kraft?

Das Gehirn organisiert Wissen in Geschichten

Schank und Abelson [1], zwei amerikanische Psychologen, die u. a. Grundlegendes zur KI-Forschung beigetragen haben, gehen davon aus, dass Geschichten (als erinnerte eigene Erfahrungen und Erfahrungen Dritter) grundlegende Bestandteile des menschlichen Gedächtnisses, des Wissens und der sozialen Kommunikation sind. Sie argumentieren, dass

  • praktisch alles menschliche Wissen auf Geschichten (= Rekonstruktionen erinnerter Erfahrungen) beruht;
  • neue Erfahrungen in Form von alten Geschichten interpretiert werden;
  • der Inhalt von erinnerten Geschichten davon abhängt, ob und wie sie anderen erzählt werden;
  • die rekonstruierten Erinnerungen die Grundlage für das erinnerte Selbst des Einzelnen bilden;
  • gemeinsame Geschichtenerinnerungen innerhalb sozialer Gruppen das soziale Selbst definieren;
  • Erinnerungen nur dann im Gedächtnis eine stabile Form annehmen, wenn sie erzählt und wieder erzählt werden. Diese stabile Struktur hat Vorrang vor den „Einzelteilen“, die ursprünglich an verstreuten Orten gespeichert waren;
  • Geschichten helfen beim Wiederauffinden von Informationen, da sie viele Indizes enthalten. Diese Indizes können Standorte, Einstellungen, Überzeugungen, Zwickmühlen, Entscheidungen, Schlussfolgerungen oder ähnliches sein. Je mehr Indizes, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir uns an eine Geschichte erinnern.

Einen Sachverhalt zu verstehen bedeutet nach dieser Sicht, einen Bezug (vielleicht sogar eine Übereinstimmung) zu bereits indizierten Geschichten zu finden. Die bekannte Geschichte dient der Interpretation der neuen Erfahrung. Eine komplexe Aufgabe wird so mit einer überschaubaren Heuristik gelöst: Finde eine Geschichte, die der hier ähnelt und Bingo! Einen anderen Menschen zu verstehen bedeutet entsprechend, die Geschichte(n) des anderen auf die eigenen Geschichten abzubilden zu können.

Neues tut sich dabei schwer, denn wir müssten ja Überzeugungen überarbeiten, neue Verallgemeinerungen vornehmen und andere aufwendige kognitive Operationen durchführen – ein Aufwand, den wir eher scheuen. Wer einen Hammer hat, für den sieht alles erstmal aus wie ein Nagel.

Geschichten sind nicht dazu da, hinterfragt zu werden

Warum wir auf Neues eher träge reagieren, erklärt sehr anschaulich der israelische Psychologe und Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman [2]. Er unterteilt die geistigen Aktivitäten in zwei Systeme:

  • Da ist das automatisch arbeitende System 1. Es arbeitet schnell, mit wenig oder gar keinem spürbaren Aufwand und ohne dass der Mensch das Gefühl hat, es willentlich zu kontrollieren. Beispiel: Wenn man jemanden sieht und spontan das Gefühl hat, vor dem muss man sich besser in Acht nehmen, dann kommt dieses „Bauchgefühl“ von System 1.
  • Es gibt aber auch ein System 2. Es zeigt sich in (anstrengenden) mentalen Aktivitäten, die Konzentration erfordern. Wenn System 2 „zugeschaltet“ wird, sind seine Aktivitäten oft mit der subjektiven Erfahrung von Handlung, Wahl und Konzentration verbunden. Beispiel: System 2 ist im Spiel, wenn man sein Bauchgefühl bewusst revidiert, weil man im Laufe der Zeit über mehr Informationen verfügt, die das Bauchgefühl nicht rechtfertigen oder weil man sich etwas schön redet.

Beide Systeme waren und sind überlebensnotwendig. Die Überlebens-Reaktion ‚Flucht oder Kampf‘ wird nicht „nach Einbeziehung aller Umstände und Würdigung in einer wertenden Gesamtschau“ getroffen. Individuen, die so handelten, hinterließen keine Nachfahren. System 1 legt vielmehr in Sekundenbruchteilen eine Lagebeurteilung vor und das Individuum kann handeln. System 2 hingegen ist gerade im sozialen Kontext wichtig. Die Frage, ob jemand z. B. ein verlässliches Gruppenmitglied ist, lässt sich nur aufgrund eigener Erfahrungen oder der Erfahrungen Dritter zuverlässig beantworten.

Anders formuliert: System 1 schlägt aus wenigen Informationen eine Geschichte vor. System 2 lässt die Geschichte passieren, wenn sie plausibel, also im Wesentlichen widerspruchsfrei ist. Das Paradoxe daran: Je weniger Informationen vorliegen, desto eher ist eine Geschichte widerspruchsfrei. Mehr Informationen führen also im Zweifel dazu, dass System 2 sich zuschaltet. Die Akzeptanz von Informationen ist quasi die Voreinstellung im Gehirn. Kritisches Hinterfragen muss bewusst angestoßen werden. Das geht so weit, dass wir selbst in einem fiktionalen Text Aussagen glauben, die in der realen Welt falsch sind. Nur wenn wir aus irgendeinem Grund motiviert und in der Lage sind, die Wahrhaftigkeit von Informationen zu beurteilen, fangen wir an, sie zu hinterfragen [3].

Ein weiteres Merkmal ist, dass System 1 nur verfügbare Informationen verwendet. Kahneman nennt das „what you see is all there is“. Das aber fördert Fehlschlüsse. Er bringt folgendes Beispiel: Eine Person wird als schüchtern und zurückgezogen, als hilfreich, aber mit wenig Interesse an Menschen oder der Welt beschrieben. Sie kann sich aber für Ordnung und Struktur begeistern. Ist diese Person eher ein Bibliothekar oder ein Landwirt? System 1 wird „intuitiv“ auf Bibliothekar tippen und damit falsch liegen. Denn für die Antwort auf die Frage sind alle verfügbaren Informationen unerheblich. Man müsste vielmehr wissen, ob es in Deutschland mehr Bibliothekare oder Landwirte gibt. Wäre die Frage System 2 vorgelegt worden, hätte es vielleicht versucht, die Antwort über einen Umweg zu finden: „Gibt es wohl mehr landwirtschaftliche Betriebe oder mehr Bibliotheken in Deutschland?“ System 1 aber macht keine kreativen Umwege.

In Geschichten geschieht nichts ohne Grund

Nassim Talib [4] verweist auf eine weitere Schwäche, die dem Denken in Geschichten innewohnt – den erzählerischen Fehlschluss (narritive fallacy). Wir sind nur eingeschränkt in der Lage, eine Abfolge von Tatsachen als solche zu belassen. Um zu „verstehen“, verbinden wir die Fakten, geben ihnen eine Richtung oder erklären das eine Faktum aus dem anderen. Indem wir den Fakten „Sinn“ verleihen, machen wir sie nicht nur einprägsamer, wir verstärken auch unseren Eindruck, wir würden sie verstehen. Der Rückschlag kommt dann, wenn wir mit solchen Geschichten versuchen, gegenwärtige Ereignisse zu analysieren.

Geschichten machen dümmer

Tyler Cowen, ein amerikanischer Ökonom mit einem sehr lesenswerten Blog (marginalrevolution.com), trägt zusammen, welche Probleme er mit Storytelling hat [5]. Geschichten werden nicht nur ausschließlich aus vorhandenen Informationen erstellt. Sie verarbeiten nicht einmal alle verfügbaren Informationen. Im Gegenteil – sie wirken wie Filter. Was nicht in die Erzähllogik passt, wird passend gemacht oder fliegt raus. Das hat mehrere Gründe:

  • Geschichten vereinfachen um der Wirkung willen stark. Starke Geschichten kann man in wenigen Sätzen erzählen. Details bleiben dabei auf der Strecke. So etwas wie Opportunitätskosten oder unliebsame Seiteneffekte kommen nicht vor.
  • Geschichten bedienen duale „Weltbilder“ und konfliktäre Situationen. Oft werden immer wieder dieselben Geschichten erzählt, meist ist es eine Gut-gegen-Böse Geschichte. Bei Geschichten, die zur Härte gegen eine Fremdgruppe aufrufen, kommt die Schlussfolgerung immer vor der Abwägung der Argumente.
  • Das Motiv ist austauschbar. Dieselben Fakten können theoretisch als Quest, als die Geschichte einer Wiedergeburt, eines Kampfes oder eines Triumphes erzählt werden.
  • Eine Geschichte hat immer Akteure mit Absichten. In Wirklichkeit steht aber nicht hinter jedem Ereignis ein bewusst handelnder Akteur oder eine Gruppe. Zufall ist in Geschichten daher nicht Zufall, sondern Verschwörung.
  • Geschichten verfälschen die Geschichte: Auch Geschichten, von denen jeder weiß, dass sie sich so nie zugetragen haben, werden erinnert und tradiert.

Die Botschaft von Cowen ist, dass wir uns des Kontextes, in dem wir Geschichten nutzen,  bewusster sein müssen. Wir müssen erkennen, wie Geschichten die Entscheidungen beeinflussen (sollen), die wir in der realen Welt treffen. Ein schönes Beispiel dafür, welche realen Folgen Storytelling haben kann, bieten Akerlof & Shiller [6] mit dem mexikanischen Öl-Boom Ende der 1970er Jahre. Nach der Entdeckung weiterer Ölvorkommen begann der damalige Präsident López Portillo die Geschichte von ungeahntem Wohlstand und dem Einfluss von Mexiko als Öl-Nation in der Welt zu spinnen. Die Zuversicht auf dieses „neue Mexiko“ führte tatsächlich zu einem (kreditfinanzierten) wirtschaftlichen Wachstum, das am Ende seiner Amtszeit in einem verheerenden Crash, einer 100-%-Inflation und in einer Rezession endete, die bis weit in die 1980er Jahre dauerte.

Auf den Punkt gebracht

Offenbar können wir nicht ohne Geschichten, aber wenn Geschichten wirklich so gefährlich sind, dann muss man sich wundern, dass die letzte Geschichte des Homo Sapiens nicht vor 200.000 Jahren am Lagerfeuer in der Höhle erzählt wurde. Das Problem liegt vermutlich nicht so sehr darin, dass wir unser Denken mit Geschichten organisieren. Es liegt vielmehr darin, dass wir oft nur EINE Geschichte erzählen, diese für wahr halten und sie mit Zähnen und Klauen verteidigen. Gerade Wirtschaft und Politik sind voll von solchen Beispielen.

Die nigerianisch/amerikanische Schriftstellerin, Chimamanda Ngozi Adichie, bringt die Gefahr der EINEN Geschichte auf den Punkt: Geschichten enthalten (auch) Stereotyen. Stereotypen müssen nicht falsch sein, aber sie sind immer unvollständig. Um das auszugleichen, brauchen wir viele Geschichten.

„Stories matter. Many stories matter. Stories have been used to dispossess and to malign, but stories can also be used to empower and to humanize. Stories can break the dignity of a people, but stories can also repair that broken dignity.“ [7]

Weiterführende Hinweise

[1] Schank, R. C. & Abelson, R. P. (1995). Knowledge and Memory: The Real Story. In: Robert S. Wyer, Jr (ed) Knowledge and Memory: The Real Story. Hillsdale, NJ.  Lawrence Erlbaum Associates. 1-85. (Link)

[2] Kahneman, D., & Egan, P. (2011). Thinking, fast and slow.

[3] Prentice, D. A., Gerrig, R. J., & Bailis, D. S. (1997). What readers bring to the processing of fictional texts. Psychonomic Bulletin & Review, 4(3), 416-420. (Link)

[4] Taleb, Nassim. (2007). The Black Swan.

[5] Cowden, Tyler. (2009). Be suspicious of simple stories. (Link)

[6] Akerlof, G. A., & Shiller, R. J. (2010). Animal spirits: How human psychology drives the economy, and why it matters for global capitalism.

[7] Chimamanda Ngozi Adichie. (2009). The danger of a single story. (Link)