Online-Tools zur Textverständlichkeit im Selbsttest

lesen_kindle_buch Wer einen Text schreibt, möchte etwas mitteilen und verstanden werden. Dieses Ziel zu erreichen, ist oft schon bei einem Text in Umgangssprache nicht leicht. In Fachsprachen aber bedeuten verständliche Texte harte Arbeit. Dennoch ist es möglich, Texte objektiv zu verbessern. Objektiv bedeutet, dass es nicht vom (Geschmacks-)Empfinden des Verfassers oder Lesers abhängt, ob ein Text leicht oder schwer ist. Hilfreich sind dabei Tools, die die Textverständlichkeit (oder Leseleichtigkeit) messen und in einer Indexzahl darstellen. Teilweise sind diese Tools sogar frei verfügbar. In diesem Beitrag möchte ich drei davon am Beispiel eines kurzen juristischen Textes vorstellen.

Was bedeutet Textverständlichkeit?

Textverständlichkeit beschreibt, wie leicht oder wie schwer sich ein Text lesen lässt. Sie hängt von vielen Faktoren ab:

  • Merkmale des Textes (z. B. Vokabular, Satzkomplexität, Textinhalt, Gliederung, Typografie)
  • Merkmale des Verfassers (z. B. Schreib- bzw. Sprechstil) Merkmale des Lesers (z. B. Sprachkompetenz, relevantes Vorwissen, thematisches Interesse, Motivation, Konzentration)
  • Merkmale des Übertragungskanals (z. B. Schriftgröße, Bildschirmgröße, Hintergrundgeräusche bei gesprochenem Text)

Angesichts so vieler Einflussfaktoren, die teilweise weder der Verfasser noch der Leser beeinflussen können, mutet es „heroisch“ an, ein objektives Maß also eine Formel für Textverständlichkeit entwickeln zu wollen. Mittlerweile gibt es aber wohl 200 solcher Formeln und eine Menge Studien zu deren Validierung.

Formeln und Online-Tools für die Leseleichtigkeit

Die bekannteste Formel ist die von Flesch für Texte in englischer Sprache. Die Formel reduziert die Einflussfaktoren auf genau zwei: die mittlere Anzahl der Wörter je Satz (Satzlänge) und die mittlere Anzahl der Silben pro Wort (Wortlänge). Die Formel wurde von Amstad auf die deutsche Sprache angepasst. Online-Tools, die mit Flesch-Formeln arbeiten finden sich auf:

Der LIX-Lesbarkeitsindex von Björnsson verwendet die mittlere Satzlänge und die Anzahl der Wörter, die aus mehr als sechs Graphemen bestehen. Ein Online-Tool, das auf diesem Ansatz beruht, findet sich auf der Seite http://www.psychometrica.de/lix.html

Die Online-Tools im Vergleich

Ein Beispiel aus einem Urteil des Bundesfinanzhofs (2.6.16, IV R 39/13) soll zeigen, wie die Tools funktionieren.

1Der Einzelunternehmer hat seine Einnahmen-Überschussrechnung bzw. seinen Bestandsvergleich in dem Zeitpunkt erstellt, in dem er sie bzw. ihn fertiggestellt hat und objektiv erkennbar als endgültig ansieht; 2als Beweisanzeichen dafür, dass der Einzelunternehmer die fertiggestellte Gewinnermittlung als endgültig ansieht, kann u.a. die Tatsache gewertet werden, dass er sie – z.B. durch die Übersendung an das FA – in den Rechtsverkehr begibt. 3Die Übersendung an das FA entspricht auch dem Umstand, dass die bloße Erklärung des Steuerpflichtigen, seinen Gewinn nach § 4 Abs. 3 EStG ermitteln zu wollen, zur Ausübung des Wahlrechts nicht genügt; 4vielmehr muss das FA nach einer solchen Erklärung eine (zumindest kursorische) Einnahmen-Überschussrechnung auch tatsächlich erhalten.

Dazu kopiert man den Text und fügt ihn in das Eingabefeld des Tools ein. Die Analyse machen die Tools dann selbst. Und so schätzen die drei Tools den Text ein:

Tool LIX leicht- lesbar flesch- index
Wörter (davon verschiedene) 100 105 (73) 106
Sätze 3 6 9
Durchschnittl. Satzlänge 33 17,5* 11,8*
Silben 210** 207
Zeichen 777***
Anteil langer Wörter 36 % 36 %
Index-Wert 69 20 54
Komplexität sehr hoch sehr schwierig anspruchsvoll

* Nicht vom Tool berechnet ** Endsilben auf -e zählen nicht. *** Mit Leer- und Satzzeichen, doppelte Leerzeichen ignoriert

Der erste Schritt: Kürzere Sätze

Ein erster Blick auf das Beispiel zeigt bereits: Die Sätze sind viel zu lang. Bemerkenswert ist, dass sich alle drei Tools  mit der Anzahl der Sätze schwer tun. Nach meiner Zählung sind es vier vollständige Sätze (siehe die hochgestellten Zahlen im Beispielstext). Trennt man die Texte eindeutig mit Punkt und Großschreibung am Satzanfang (was man eigentlich immer tun sollte), bringt das allerdings nur bei LIX etwas.

Tool LIX leicht- lesbar flesch- index
Wörter (davon verschiedene) 100 105 (73) 106
Sätze 5 6* 11*
Durchschnittl. Satzlänge 20
Silben 210** 207
Zeichen 777***
Anteil langer Wörter 36 %
Index-Wert 56 20 56
Komplexität        hoch sehr schwierig anspruchsvoll

Der nächste Schritt: Weniger ist mehr

Die nächsten Änderungen greifen deutlich in die Textstruktur ein. Die Leseleichtigkeit eines Textes steigt u.a.,

wenn man lange Wörter durch Pronomen und Abkürzungen ersetzen kann

der Einzelunternehmer er Einnahmen-Überschussrechnung EÜR

Nominalstil meidet

die Übersendung an das FA dem FA schicken

unnötige Adjektiva tilgt

… die fertiggestellte Gewinnermittlung als endgültig ansieht … … die Gewinnermittlung als endgültig ansieht …

gestelzte Formulierungen vereinfacht

Als Beweisanzeichen dafür, dass …, kann u.a. die Tatsache gewertet werden … Das ist z. B. der Fall, wenn …

Manchmal aber kommt man nicht darum herum, interpretierend zu paraphrasieren. Gerade bei juristischen Texten sollte man das nur sehr behutsam tun. So wurden aus den Sätzen 3 und 4 die neuen Sätze 3 bis 5.

1Die Gewinnermittlung des Einzelunternehmers ist in dem Zeitpunkt erstellt, in dem er sie fertiggestellt hat und objektiv erkennbar als endgültig ansieht. 2Das ist z. B. der Fall, wenn der Einzelunternehmer die Gewinnermittlung in den Rechtsverkehr gibt, indem er sie dem Finanzamt schickt. 3Die Übersendung ist auch für die Ausübung des Wahlrechts, Einnahmen-Überschussrechnung [EÜR] oder Bestandsvergleich, wichtig. 4Die bloße Erklärung, den Gewinn mittels EÜR ermitteln zu wollen, genügt nicht. 5Das Finanzamt muss eine (zumindest kursorische) EÜR auch tatsächlich erhalten.

Tool LIX leicht- lesbar flesch- index
Wörter (davon verschiedene) 76 79 (57) 78
Sätze 5 5* 7*
Durchschnittl. Satzlänge 15 15,8 11,2
Silben 150** 151
Zeichen 572***
Anteil langer Wörter 37 %
Index-Wert 52 30 56
Komplexität        mittel schwierig
(an der Grenze zu etwas schwierig)
anspruchsvoll

Meine Erfahrungen auf den Punkt gebracht

Tools, die die Merkmale der Oberflächenstruktur eines Textes heranziehen, um die Komplexität zu messen, sind vor allem aus zwei Gründen nützlich. Sie bieten zum einen eine objektive Maßzahl für die Verständlichkeit. Wenn der Text eine Zielvorgabe nicht erreicht, ist es nur noch eine Frage des Wie und nicht mehr des Ob. Zum anderen wirken sie motivierend, denn ein verbesserter Index-Wert veranschaulicht die Mühe, die man sich mit dem Text gegeben hat.

Allerdings sollte man der Versuchung widerstehen, den Text ausschließlich in Richtung niedrige Textkomplexität zu trimmen. Denn ein Text, der ein paar Indexpunkte schwieriger ist, kann für einen versierten Leser durchaus angenehmer zu lesen sein als sein optimiertes Pendant, das wegen einer übereinfachen Sprache künstlich wirkt.

Ich persönlich arbeite zwar am liebsten mit LIX, da ich das Gefühl habe, dass es sensibler auf Änderungen reagiert. Wichtiger aber als die Wahl des Tools scheint mir zu sein, immer mit demselben Tool zu arbeiten, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie es auf Änderungen reagiert. Dabei nutze ich das Tool für unterschiedlich lange Texte – von der halbseitigen Kurzmitteilung bis zum mehrseitigen Fachbeitrag und strebe einen Indexwert deutlich unter 55 an. Interessanterweise gelingt das umso leichter je kürzer der Text ist.

Ein Nachteil ist sicher, dass die Tools zu der Indexzahl nicht auch gleich Verbesserungsvorschläge mitliefern. Wer viel an Texten arbeitet, braucht die aber nicht unbedingt. Denn erfahrungsgemäß sind es immer dieselben fünf Regeln, die für gut lesbare Texte beherzigt werden sollten:

  • kurze, klar strukturierte Sätze (kein Stopfstil, keine Schachtelsätze)
  • klarer Satzaufbau (Wichtiges nach vorne; Hauptsachen in Hauptsätze, Nebensachen in Nebensätze)
  • Adjektive, Adverbialkonstruktionen und Partizipialkonstruktionen nur wenn sie eine wichtige zusätzliche Information bringen
  • Aktiv statt Passiv
  • Verben statt Nominalstil

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Literaturhinweise:

Amstad, Toni (1978). Wie verständlich sind unsere Zeitungen? Universität Zürich: Dissertation.

Björnsson, C. H. (1968). Lesbarkeit durch Lix. Pedagogiskt centrum, Stockholms skolförvaltningen.

Flesch, R. (1948). A new readability yardstick. Journal of applied psychology,32 (3), 221.

Goldstein, Daniel (2015). Selbstversuch im Heimlabor – Der «Sprachspiegel» testet ein Programm zur Textpflege (Link)

Schiestl, Andreas (2013): Ohne Klarheit in der Sprache ist der Mensch nur ein Gartenzwerg. Studie zur Textverständlichkeit romantischer russischsprachiger Literatur am Beispiel von Lermontovs Geroj našego vremeni und Puškins Kapitanskaja dočka (Link)

Volz, Dennis (2014): Textanalyse-Tools unter der Lupe – Jede Silbe zählt (Link)

Ohne Verfasser:

Überblick über die Verständlichkeitsforschung (Link)

Wikipedia:  Textverständlichkeit (Link)

Wikipedia: Lesbarkeitsindex (Link)

2 Kommentare

  1. Pingback: Wissenskurator

  2. Winiger Stephan

    Guten Tag Herr Derlath
    Schauen Sie einmal in die Webseite http://www.schreiblabor.com/textanalyse/ hinein. Da haben sie drei verschiedene Lesbarkeitsindizes inklusive die Anzeige von Füllwörtern, überlangen Sätzen und Wörtern etc. Ich habe diese Seite gestern beim Recherchieren gefunden. In meinem Zweitstudium zum Schulischen Heilpädagogen arbeiten wir mit dem LiX, finde jedoch andere Lesbarkeitsindizes durchaus auch interessant zur Einstufung von Lesetexten. Nicht unwichtig der Hinweis, dass es für den Flesch-Index eine englische und eine deutsch Formel gibt, was in der oben angegebenen Internetseite klar zum Ausdruck kommt. Mit freundlichen Grüssen aus der Schweiz.

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