Fake News sind ein Frontalangriff auf die vierte Gewalt in einer Demokratie

Das Phänomen ist nicht spezifisch internetbedingt: 1898 standen die USA und Spanien kurz vor dem Spanisch-Amerikanischen-Krieg. Im Januar desselben Jahres traf die USS Main, ein Schlachtschiff, im Hafen von Havanna ein. Wenige Tage später sank sie nach einer verheerenden Explosion, bei der 268 Menschen ums Leben kamen. Die öffentliche Stimmung in den USA wurde unter anderen von den Publizisten William Randolph Hearst und Joseph Pulitzer weiter angeheizt. Von Hearst ist die Anweisung an seinen Korrespondenten in Havana überliefert: “You furnish the pictures. I’ll furnish the war.“ [1] Damals war der Pressemarkt ein überaus lukratives Geschäft und im Kampf um Auflage war jedes Mittel recht. Unter Umständen wäre der Spanisch-Amerikanische Krieg nicht ausgebrochen, wenn nicht dieser erbitterte Kampf um Marktanteile stattgefunden hätte. Diese und vergleichbare Exzesse waren der Grund für verschiedene Presse-Kodices. Und es dauerte Jahrzehnte, das Vertrauen aufzubauen, dass eine vierte Gewalt in einer Demokratie braucht. [2]

Die Regeln des Spiels haben sich geändert

Und dann ist das Phänomen wieder da. Diesmal ist es nicht eine auflagengierige Presse, die ohne Rücksicht auf individuelle Schicksale oder gesellschaftliche Kollateralschäden soziales Kapital vernichtet. [2a] Im Gegenteil. Die vierte Gewalt selbst steht am Pranger und muss sich vorwerfen lassen, Lügen zu verbreiten. Parallel dazu werden „alternative Fakten“ (Trump Beraterin Kellyanne Conway) in den Sozialen Medien millionenfach ver- und geteilt. Dort erreichen sie zudem einen Teil der Öffentlichkeit, der für die traditionellen Medien verloren zu sein scheint.

Offenbar wurden die Regeln des Spiels geändert, ohne dass es die demokratischen Kräfte so richtig mitbekommen hätten. Ob beim Brexit, bei der Wahl von Donald Trump, oder zuletzt bei der Wahl von Bolsonaro in Brasilien, immer ist es dasselbe Bild: Ein Land mit einem starken Wohlstandsgefälle und mit einer an sich schon stark polarisierten Öffentlichkeit wird durch massenhaft und gleichzeitig über die sozialen Medien gezielt verteilte Falschnachrichten weiter gespalten. Falschnachrichten weisen dabei eine Reihe von charakteristischen Gemeinsamkeiten auf, auf denen ihre hohe Toxizität beruht [3]:

  1. Hohe Emotionalität: Falschnachrichten haben ein hohes emotionales Potenzial. Noch bevor die Vernunft nachfragen kann, ob das überhaupt sein kann, werden sie schon geteilt.
  2. Hohe Popularität: Wenn sie uns erreichen, wurden sie bereits ausgiebig (von Bots) geteilt und kommentiert. Das suggeriert, es muss was dran sein und macht es schwer, zu widersprechen. Als soziale Wesen reagieren wir eher konform.
  3. Schlag den Popanz: Es wird eine Position aufgebaut, die niemand von der Gegenseite so vertritt. Das macht es einfacher, die Gegenseite zu verteufeln. Oder es wird einfach behauptet, die Gegenseite habe ein Interesse daran, dass die Information unter den Tisch gekehrt wird.
  4. Falsche Dilemmata: Die Möglichkeiten werden auf zwei verengt und die sind auch noch falsch. Der Gegenseite wird eine falsche Behauptung untergeschoben, die eigene Behauptung ist auch haltlos.
  5. Persönliche Attacken. Bestimmte Personen(-gruppen), die sich für die Gegenseite exponiert haben, werden mit Spott und verbalen Attacken überzogen.

Gerade durch den stark emotionalen Inhalt von Falschnachrichten gelingt es offensichtlich jene an die Wahlurne zu bringen, die sonst nicht zur Wahl gegangen wären. Damit erzielt man notfalls auch mal hauchdünne Mehrheiten. Wie genau das Vorgehen ist, hat Krautreporterin Silke Jäger am Beispiel des Brexit detailliert analysiert. [4]

Die echten Fakten hingegen haben es aus mehreren Gründen schwer. In der Regel haben sie keines der oben beschriebenen Merkmale. Außerdem haben Faktenprüfer immer den Nachteil, erst im Nachhinein Falschnachrichten widerlegen zu können. Die wirklichen Tatsachen interessieren niemanden mehr, weil längst neue Falschnachrichten verbreitet wurden. So gehen die Tatsachen im Müll der Falschnachrichten einfach unter. Zu einer besonderen Leistung auf diesem Gebiet hat es Donald Trump gebracht. Die Washington Post hat nachgerechnet: Trump hat 3.251 falsche oder irreführende Behauptungen während seiner ersten 497 Tage im Amt aufgestellt. Das sind durchschnittlich mehr als 6,5 Unwahrheiten pro Tag! [5]

Misstrauen in traditionelle Medien als notwendige Voraussetzung

Eine ganz wichtige Komponente ist das Misstrauen in die traditionellen Medien. Dieses Misstrauen variiert von Land zu Land und auch im Zeitverlauf. [6] So war in den USA zu beobachten, dass das Vertrauen in traditionelle Nachrichtenquellen seit Jahren rückläufig war. Laut Gallup waren 2016 die niedrigsten jemals registrierten Vertrauensraten zu verzeichnen waren. Weniger als ein Drittel der amerikanischen Erwachsenen, 32 Prozent, hatten „sehr viel“ oder „ziemlich viel“ Vertrauen in die Medien. 1976 waren es noch 72 Prozent. [3] Dieses Misstrauen ist übrigens ein weiterer Grund, warum es die Faktenprüfung so schwer hat.

Falschnachrichten einfach totzuschweigen, ist auch kein Ausweg. Haben die Menschen das Gefühl, dass Informationen zensiert werden, scheinen sie die Informationen für noch glaubwürdiger zu halten. [7] Vermutlich gilt das sogar für Informationen, von denen lediglich behauptet wird, dass sie von den „Herrschenden“ unterdrückt werden – ein Erkennungsmerkmal von Falschnachrichten übrigens („Schlag den Popanz“).

Ein weiterer wichtiger Umstand ist die Manipulierbarkeit der sozialen Medien und die begrenzte Einsichtsfähigkeit der Unternehmensführungen. Bereits 2012 erschien ein bemerkenswertes Buch: „Trust me, I’m lying.“ Darin berichtet ein Marketer namens Ryan Holiday, wie er die Bloggerszene für seine Kunden systematisch manipuliert hat [8]. Die Fehler von Facebook und Twitter im Umgang mit geleakten Nutzerdaten, Dark Ads und Verschwörungstheoretikern rechtfertigten in diesem Zusammenhang einen eigenen Beitrag.

Last but not least ist das Medienverhalten selbst nicht unproblematisch. Um wieder das Beispiel Donald Trump zu bemühen. Über seine Äußerungen zu berichten, verschafft Reichweite und Reichweite ist wichtig für werbefinanzierte Medien – aber auch für diejenigen, die Falschmeldungen verbreiten. Da hilft es auch nichts, dass eilig einberufene und nach Proporz austarierte Expertenpanel die Äußerungen so lange zerpflücken, bis der Zuschauer jegliche Orientierung verloren hat. Keine Wunder, dass sich die Bürger mittlerweile über Satiresendungen wie die Late Night Show (Stephen Colbert) oder Last Week Tonight (John Oliver) informieren.

Aber was geht das uns in Deutschland an?

Im Vergleich zu den anderen Staaten wie den USA, GB oder Brasilien scheint es in Deutschland (noch) eher ruhig zu sein. [9] In Deutschland ist auch das Vertrauen in traditionelle Nachrichtenmedien mit 56 Prozent noch vergleichsweise hoch und liegt gut 10 Punkte über dem EU-Durchschnitt (Eurobarometer der Europäischen Kommission, November 2017). [6] Erfreulicherweise hängen die Deutschen bei der Versorgung mit Informationen auch nicht so stark von den sozialen Medien ab, wie dies etwa in den USA der Fall ist. [2a] Aber auch in Deutschland gibt es Themen, die stark polarisieren, der Vorwurf der manipulativen Berichterstattung („Lügenpresse“) steht bereits im Raum und die Bundesrepublik ist das Ziel von Desinformationskampagnen aus dem Ausland (der „Fall Lisa“). [10] Daran wird sich auf absehbare Zeit nichts ändern.

Auf den Punkt gebracht

Falschnachrichten zeigen, wie eng Demokratie und eine funktionierende vierte Gewalt aufeinander angewiesen sind. Das belegt auch die EU-Umfrage. Zufriedenheit mit der Demokratie und Vertrauen in die Nachrichtenmedien gehen Hand in Hand. Wer mit der Demokratie in Deutschland zufrieden ist, vertraut den Medien (65 Prozent). 25 Prozent sind allerdings mit der Demokratie in Deutschland nicht zufrieden. Von ihnen vertrauen auch nur 30 Prozent den Medien. In anderen EU-Ländern ist das ähnlich. [6] Aber ohne Journalisten, die Licht ins Dunkel bringen, ist keine Demokratie überlebensfähig. Oder wie es die Washington Post auf den Punkt bringt: Democracy dies in the dark.

Weiterführende Hinweise

[1] Bethke, Martin (2001): Macht und Ohnmacht der Worte: William Randolph Hearst und der Weg der USA zur Weltmacht, 1898-1917 (https://goo.gl/RhYwt7)

[2] Samuel, Alexandra (2016): How The Internet Ruined Everything (Or Did It?) (https://goo.gl/1yHRd8)

[2a] Derlath, Jürgen (2018): „Zerstören soziale Netzwerke unser gesellschaftliches Gefüge?“ (https://goo.gl/3sQwrq)

[3] Harrison, Guy P. (2017):Think before you like.

[4] Silke Jäger (2018): Wie manipuliert man eine Wahl. (https://goo.gl/uoDQ7K)

[5] Parker, Ashley (2018): President Trump seems to be saying more and more things that aren’t true (https://goo.gl/9gAQpo)

[6] Sander, Uwe (2018): Eurobarometer: Vertrauen in Presse auf 10-Jahres-Hoch (https://goo.gl/BNveBS)

[7] Cialdini, Robert (2009): Influence

[8] Holiday, Ryan (2012): Trust me, I‘m lying.

[9] Gavrilis Panajotis (2018): Wie Fake News verbreitet werden (https://goo.gl/yubCJF)

[10] Jolkver, Nikita (2017): Der „Fall Lisa“ ein Jahr danach. War da was? (https://goo.gl/9UiFNv)