Facebook experimentiert mit der Demokratie

Bestimmt haben Sie auch schon mal eine Werbung gesehen, von der sie ahnten, dass sie genau zu Ihren Interessen passen sollte. Vielleicht bei Facebook? Viele Menschen machen sich einen Spaß daraus Werbeanzeigen herumzuzeigen, denen das nicht gelungen ist. Zum Beispiel wenn Hundebesitzer Kratzbäume für Katzen kaufen sollen. Dann hat das Mikrotargeting nicht geklappt. Doch was ist eigentlich Mikrotargeting und was hat das mit dem Missbrauch von Facebook-Profildaten zu tun?

Mikrotargeting ist das Herz des Facebook-Geschäftsmodells

Facebook verdient sein Geld damit, dass Unternehmen Werbeanzeigen schalten. Der Vorteil für die Unternehmen ist, dass sie bei Facebook Werbung für bestimmte Zielgruppen perfektionieren können. Das gelingt, weil Facebook sehr viel über seine Nutzer weiß. Nicht nur, wo sie wohnen und mit wem sie befreundet sind. Sondern auch, welche Musik sie hören, welches Essen sie mögen, für welche Marken sie sich interessieren, auf welche Werbeanzeigen sie bereits früher geklickt haben. Mit diesen Informationen lassen sich Zielgruppen definieren. Unternehmen können beim Erstellen von Werbeanzeigen angeben, wen sie bei Facebook damit erreichen wollen und Texte und Bilder auf die Interessen der Leute zuschneiden. So wollen sie mehr Menschen ansprechen und zum Kaufen verleiten. Dieses Zuschneiden auf Zielgruppen nennt sich Mikrotargeting.

Mikrotargeting ist ein Problem für politische Debatten

Mikrotargeting funktioniert nicht nur beim Verkaufen von Produkten, sondern auch beim Verbreiten von politischen Botschaften. Ganz plakativ: Wer die Facebookseiten von Rechtsrock-Bands liket, der steht mit größerer Wahrscheinlichkeit auf das, was die AfD sagt, als jemand, der Adele hört. Dieses Profiling lässt sich so verfeinern, dass man Menschen gemäß ihrer Persönlichkeit ansprechen kann. Extrovertierte Menschen reagieren zum Beispiel eher auf Bilder, die feiernde Menschen zeigen, introvertierte eher auf Bilder von Bücher lesenden Leuten. So ähnlich funktioniert das auch bei den Texten. Mit bestimmten Wörtern lassen sich Assoziationen erzeugen, die bei bestimmten Gruppen stärkere Reaktionen hervorrufen als bei anderen. Das nennt sich Framing. Man geht davon aus, dass damit die politischen Debatten derart angeheizt werden können, dass extreme Parteien immer mehr Zulauf bekommen. Besonders problematisch ist es, wenn diese Anzeigen aus dem Ausland heraus geschaltet und bezahlt werden. Dann besteht der Verdacht, dass ausländische Interessen Wahlen beeinflussen.

Aus dem Ausland bezahlte Facebook-Anzeigen haben in Wahlkämpfen eine Rolle gespielt, so sind sich mittlerweile viele sicher. Welche Rolle genau, wird derzeit in parlamentarischen Untersuchungsausschüssen von westlichen Demokratien untersucht, wie zum Beispiel in den USA und in Großbritannien. Im Zuge dieser Anhörungen musste Facebook zusagen, dass es sich seiner Verantwortung stellt, die diese Werbepraxis mit sich bringt. Am 10. Mai gab es bekannt, was es tun will, um die Probleme, die sich daraus ergeben, zu lösen.

10 Maßnahmen gegen Wahlbeeinflussung durch Mikrotargeting

1. Transparenz

Jeder soll nachvollziehen können, wer welche Werbeanzeigen schaltet und wer dafür bezahlt. Die Anzeigen sollen archiviert und 7 Jahre lang zurückverfolgt werden können. Außerdem sollen Informationen über die Verbreitung der Anzeigen verfügbar sein: Wie alt waren die Menschen, die geklickt haben, welches Geschlecht hatten sie und wo haben sie gewohnt?

Anmerkung: In Kanada und Irland ist dieses Feature bereits ausgerollt worden. Da Irland am 25. Mai in einem Referendum darüber abstimmte, ob der Paragraph, der Abtreibungen verbietet, aus der Verfassung gestrichen wird, konnte man dort bereits testen, wie viel Transparenz durch diese Maßnahme hergestellt werden kann. Es zeigt sich, dass es schwieriger ist für Nutzer an diese Infos zu kommen, als Facebooks Ankündigung dies glauben lässt. (Mehr über das Beispiel des irischen Referendums kann man beim englischen Guardian nachlesen.

2. Überprüfbarkeit und Kennzeichnung

Jeder, der eine Werbeanzeige schalten will, muss Identität und Wohnort bzw. Firmensitz nachweisen. Bei politischen Werbebotschaften wird angezeigt, wer für die Werbeanzeige bezahlt hat.

3. Werbeeinstellungen

Facebook hat circa ein Drittel der Werbekriterien herausgenommen, die von der russischen Agentur „Internet Research Agency“ während des amerikanischen Wahlkampfes benutzt worden sind, um potenzielle Trump-Wähler anzusprechen. Facebook hat vor, die verbliebenen Werbekriterien regelmäßig zu überprüfen und zu aktualisieren.

Anmerkung: Diese Maßnahme wird allerdings nicht die Frage klären, ob Facebooks Werbekriterien in jeder Hinsicht nationalen Wahlkampfrichtlinien entspricht.

4. Technologie

Mithilfe von Künstlicher Intelligenz und Maschinellem Lernen hat Facebook inzwischen die Möglichkeit, falsche Nutzerkonten zu deaktivieren, bevor sie Schaden anrichten können. Diese Technologie hat Facebook im Laufe des letzten Jahres zunehmend angewendet und möchte dies in Zukunft noch verstärken.

Anmerkung: Es bleibt offen, wie fehleranfällig die Technologie ist und mit welchen Kriterien sie schädliche Inhalte und problematische Konten identifiziert. Hier wird mehr Transparenz nötig sein.

5. Faktencheck

Facebook hat sich vorgenommen, die Fake-News-Wirtschaftskette zu stören und zu unterbrechen. Bereits jetzt arbeiten unabhängige Faktencheck-Teams in 11 Ländern daran, Fake-News aus Facebook zu löschen. Facebook will außerdem das Eröffnen falscher Nutzerkonten erschweren und das Verteilen von Fake-News verhindern, indem Facebookseiten keine Werbeanzeigen mehr schalten dürfen, wenn sie zuvor schon durch Fake-News-Anzeigen aufgefallen sind.

6. Sicherheit

Facebook verdoppelt die Anzahl der Mitarbeiter, die sich um die Sicherheit der Plattform kümmern von derzeit 10.000 auf geplante 20.000 im Laufe des Jahres. Facebook rechnet mit Gewinneinbußen wegen dieser Maßnahme.

7. Kooperation

Facebook hat mit 34 anderen globalen Tech- und Sicherheitsfirmen einen sogenannten „TechAccord Pakt“ unterzeichnet. Damit will man die Sicherheit aller Internetnutzer erhöhen. Anmerkung: Wie genau das funktionieren soll, bleibt unklar.

8. Zusammenarbeit mit Regierungen

Facebook nennt die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) vor der Bundestagswahl 2017 als Beispiel dafür, wie es zukünftig dafür sorgen will, dass Beeinflussung der Wähler durch Propaganda nicht stattfindet.

Anmerkung: Auch diese Zusammenarbeit konnte nicht verhindern, dass einzelne Parteien, nachweislich die AfD, Falschmeldungen und Emotionalisierung im Wahlkampf Vorschub geleistet haben.

9. Wahlbeobachtung

Facebook hat begonnen, laufende Wahlkampagnen zu beobachten und Tools zu testen, die eine Verletzung der Wahlgesetze verhindern sollen. Facebook sagt, das betrifft mehr als 40 Wahlen in 21 Ländern. Anmerkung: Was Facebook ganz genau dabei tut, bleibt unklar.

10. Blockieren

Organisationen und Gruppen, die sich laut Facebook in ausländische Wahlen einmischen, sollen blockiert werden. Das betrifft derzeit ganz konkret die oben genannte „Internet Research Agency“ aus dem russischen St. Petersburg. Betroffen sind laut Facebook derzeit 70 Facebookkonten, 138 Facebookseiten und 65 Instagramkonten. Diese Seiten waren in den USA, in Europa und Russland aktiv daran beteiligt, Falschmeldungen zu verbreiten, um Meinungen zu manipulieren, so Facebook.

Zusätzlich zu diesen 10 Punkten, können Facebooknutzer inzwischen die Daten mit einem Klick herunterladen, die Facebook über sie gesammelt hat und sie löschen. Netzaktivisten geben jedoch an, dass die Datenhistorie derzeit nicht vollständig ist. So fehlen zum Beispiel Daten über die Browserhistorie, die Facebook sammelt – übrigens auch von Menschen, die gar kein Facebookkonto besitzen.

Auf den Punkt gebracht

Lange eine Black Box, wird langsam immer klarer, wie Facebooks Mikrotargeting-Maschine nicht nur beeinflusst, was wir kaufen möchten, sondern auch, was wir denken können. Unsere Meinungen werden dadurch nach und nach immer extremer. Ereignisse wie der Brexit wären ohne die gezielten Botschaften an vorher definierte Zielgruppen vielleicht nicht möglich gewesen. Der britische Werberat hat vor wenigen Tagen eine Stellungnahme veröffentlicht, in der er empfiehlt, Mikrotargeting für politische Werbung zu untersagen und ein Register aufzubauen, in dem alle politischen Botschaften öffentlich einsehbar sind. Eine direkte Reaktion auf das, was die Untersuchungsausschüsse zuletzt zutage gefördert haben. Damit wäre die Kontrolle über Wahlwerbung wieder in der Hand des Gesetzgebers und nicht mehr in der von Facebook.

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