#DeleteFacebook?

Facebook hat ein Vertrauensproblem. Das zeigt sich zum Beispiel in den Aktienwerten, die sich noch immer nicht erholt haben. Unter dem Hashtag #deletefacebook werden Meldungen gesammelt, in denen Menschen über die Löschung ihrer eigenen Facebookprofile berichten. Darunter sind auch einige Prominente, wie die Sängerin Cher. Seit Bekanntwerden der intransparenten Verwendung von Facebook-Nutzerdaten fragen sich viele: Sollte ich mich auch aus Facebook löschen?

Wie hat Facebook Vertrauen verspielt?

Das sogenannte Facebook-Datenleck ist in Wirklichkeit gar keins. Zu dem Zeitpunkt als ein Wissenschaftler der Universität Cambridge eine App herausbrachte, die es erlaubte, Persönlichkeitsprofile aus Nutzerdaten zu erstellen, wollte Facebook genau solche Kooperationen mit App-Entwicklern fördern. Deshalb hatte es die technische Voraussetzung dafür geschaffen: eine offene API-Schnittstelle. So konnten Webentwickler ganz offiziell auf Facebook-Daten zugreifen und Apps programmieren, die Facebook-Nutzern mehr bieten konnten, als Facebook allein. Dieses Einfallstor schloss Facebook später, sodass nach jetzigem Stand der Facebook-Technik solche Apps, wie die des Psychologie-Wissenschaftlers nicht mehr so einfach entstehen können. [1]

Auch nach damaligem Stand hätte dieser Wissenschaftler seine Datensätze nicht weiterverkaufen dürfen. Dass er mit der Datenanalyse-Firma Cambridge Analytica Geschäfte gemacht hat, war also heute wie gestern nicht rechtmäßig. Facebook kann dafür nur bedingt verantwortlich gemacht werden. Als Facebook von dem Weiterverkauf erfuhr, forderte es alle Beteiligten dazu auf, die Datensätze zu löschen.

Wie Facebook Vertrauen verspielt:

  • Facebook hat nicht ordentlich überprüft ob die weiterverkauften Datensätze tatsächlich gelöscht worden sind.
  • Facebook hat seine Nutzer über die unrechtmäßige Nutzung der Daten nicht sofort informiert. Inzwischen haben Facebooknutzer die Möglichkeit, selbst zu überprüfen, ob auch ihre Datensätze bei Cambridge Analytica gelandet sind.
  • Facebook macht es Nutzern zu schwer, die Privateinstellungen für die Datenweitergabe einzustellen. Es liegt am Einzelnen, wie viele Daten Facebook und Dritte nutzen dürfen. Es ist nicht transparent, in welcher Weise die Daten genutzt werden.
  • Die Intransparenz ist im Hinblick auf Daten, die Facebook selbst erhebt, noch größer. Diese Daten werden im gesamten Internet gesammelt, auch von Menschen, die selbst kein Facebook-Konto haben.
  • Facebook kommuniziert zu diesem Thema bisher fast nur unter Druck. Mark Zuckerberg ist mehreren Einladungen von parlamentarischen Untersuchungsausschüssen, zum Beispiel in Großbritannien, nicht gefolgt. Inzwischen hat er sich jedoch in zwei längeren Sitzungen den Fragen in parlamentarischen Ausschüssen in den USA gestellt. Außerdem hat er sich in einem längeren Interview dazu geäußert, wie er das Datenschutzproblem angehen möchte [2]. Spoiler: Das wird mehrere Jahre dauern.

Ist Facebooks Verhalten überhaupt der Kern des Problems?

Jein. Facebooks Struktur ist aus mehreren Gründen problematisch. [3]  Das betrifft nicht nur den Umgang mit Datenschutzfragen. Das Problem ist größer. Viel größer.

Google und andere Netzgiganten sammeln so viele Daten über uns, dass sie uns angeblich besser kennen als unsere Ehepartner und Eltern. [4] Diese Daten werden zum Beispiel genutzt, um Geld zu verdienen. Facebook selbst tut dies mit dem Verkauf von Werbeanzeigen. Auch Dritte nutzen die Daten, wie zum Beispiel Datenanalyse-Firmen vom Typ Cambridge Analytica.

Mit Nutzerdaten können personalisierte Botschaften ausgeliefert werden. Das bezeichnet man als Mikrotargeting. Dies ist vor allem im Werbekontext gang und gäbe. Das kennt wahrscheinlich jeder, der Google nutzt: Wer eine Waschmaschine kaufen möchte, den „unterstützt“ Google in den Tagen nach der ersten Produktsuche mit Anzeigen von Waschmaschinenherstellern bei der „Entscheidungsfindung“. Und was passiert mit den Suchergebnissen der Menschen, die sich für rechtsextreme Inhalte interessieren, die googeln, ob die Bundeskanzlerin eine Verbrecherin ist oder wissen möchten, ob Homöopathie gegen Krebs hilft? Eine interessante Frage …

Wie genau Menschen im Internet beeinflusst werden, ist ein noch junges Forschungsgebiet. Sicher ist, dass nach den Gesetzen des Mikrotargeting auch politische Botschaften ausgeliefert werden. Ob und wann dabei die Grenze zu Propaganda überschritten wird, ist leider weniger eindeutig – und weniger leicht zu bemerken. Diese Inhalte erscheinen meist nicht als gekennzeichnete Anzeigen, sondern infiltrieren soziale Netzwerke und schleichen sich in die Trefferlisten der Suchanfragen.

Was bringt es, wenn ich mein Facebook-Profil lösche?

In diesem Zusammenhang muss man sich fragen, was es bringt, das eigene Facebook-Profil zu löschen. Natürlich kann das ein erster Schritt zu mehr Datensparsamkeit im Netz sein. Hier eine Anleitung für Entschlossene.

Nach dem ersten Schritt, müsste man konsequenterweise aber noch weiter gehen:

  • Sich aus allen Facebook-Diensten abmelden: Facebook-Messenger, What’s App und Instagram. Dazu gehört auch die Löschung der Apps auf den mobilen Geräten.
  • Statt Google eine Suchmaschine nutzen, die nicht trackt, wie zum Beispiel DuckDuckGo  oder Startpage.
  • Sich aus den Werbeanzeigeregistern austragen .
  • Keine Clouddienste nutzen.
  • Keine Kundenkarten nutzen.

Das sind nur einige Maßnahmen, mit denen man mehr Datensparsamkeit erreicht. Dass mit den gesammelten Daten gehandelt wird, verhindert dies jedoch nicht. Daneben gilt natürlich auch, was man in sozialen Netzwerken von sich preisgibt, wird im Zweifel zur Profilbildung genutzt. Über die Metadaten, wie Telefonverbindungsdaten, auf deren Weitergabe man keinen Einfluss hat, ganz zu schweigen.

Auf den Punkt gebracht

Wer die Dienste der Netzgiganten nutzt, kommt nicht darum herum, sich Gedanken über Privatsphäre und Datenweitergaben zu machen. Facebook steht nicht erst seit einigen Wochen wegen seines Umgangs mit Nutzerdaten in der Kritik. Wer dort aktiv ist, sollte sich überlegen, mit welcher Privatssphäre-Einstellung er noch einverstanden ist und womit nicht mehr. Man wird jeweils im Einzelfall abwägen müssen, womit man leben kann und womit nicht.

Weiterführende Hinweise

[1] Michael Seemann, Michael. (2018). Was wirklich hinter dem Cambridge Analytica Datenskandal steckt (piqd.de)

[2] Klein, Ezra. (2018). Mark Zuckerberg on Facebook’s hardest year, and what comes next (vox.com)

[3] Grimm, Rico. (2018). Der eigentliche Skandal bei der Facebook-Datenaffäre (krautreporter.de)

[4] Curran, Dylan. (2018). Are you ready? Here is all the data Facebook and Google have on you (theguardian.com)