Das soziale Internet ist gekommen, um zu bleiben

Kritische Stimmen haben die Entwicklung des Internets von Beginn an begleitet. In letzter Zeit wird verstärkt vor den Gefahren der sozialen Medien gewarnt. Grund ist vor allem das krasse Fehlverhalten von Facebook und die Art und Weise, wie das Unternehmen mit seinen Fehlern umgeht. Allerdings werden wir uns alle an das soziale Internet gewöhnen müssen, denn es ist gekommen um zu bleiben. Zu sehr sind gerade die sozialen Medien Ausdruck unserer menschlichen Natur.

Abhängig von der Volksdroge Internet?

Relativ früh tauchten Studien auf, die auf die Gefahren der Internet-Nutzung hinwiesen, wie etwa die Störung sozialer Beziehungen und des psychischen Wohlbefindens, die paradoxerweise gerade durch den virtuellen menschlichen Austausch über das Internet ausgelöst wurden (Internet-Paradoxon). [1] In der Folgezeit wurde viel zum Internet und zu den verschiedenen Ausprägungen geforscht. Dabei stellte sich heraus, dass es keine einfache Formel “je mehr Internet-Konsum, desto depressiver” gibt. Zu viele Faktoren im Individuum und in seinem Umfeld sind zu berücksichtigen.

Trotzdem ist z.B. das Sucht-Thema ein ständiger Begleiter in der Diskussion. Als Drogen werden u.a. gehandelt: das Internet selbst (‘Internetsucht’, ‘Onlinesucht’), die (Online-) Kaufsucht, die (Online-) Spielsucht, die Sucht nach Online-Pornographie und ganz aktuell auch die Social-Media-Sucht. [2] Es gibt sogar praktischerweise Online-Tests, in denen man den eigenen Abhängigkeitsgrad feststellen kann. [3]

Ist das soziale Internet also deshalb so erfolgreich, weil wir über die Jahre Abhängige einer ‘Volksdroge’ [4]  geworden sind?  Eher nicht. Ob Internetsucht als Krankheit einzustufen ist, ist nach wie vor umstritten. Allerdings hat es die Video-Spielsucht (gaming disorder) schon in das Klassifikationssystem der WHO geschafft, wohl auch deswegen, weil die Spielsucht (gambling disorder) schon darin stand. [5] Aber den Erfolg des Mediums kann man so schwerlich erklären. Alkohol zum Beispiel ist ja auch nicht nur deswegen so weit verbreitet, weil er süchtig macht. Richtig ist jedoch, dass es nicht immer leicht fällt, den Umgang mit dem Internet und mit den sozialen Medien zu kontrollieren. Man schaut eben doch schnell “nur“ noch dies eine Video oder liest “nur“ noch schnell diese eine News.

Abhängig von unserer Evolution

Eine andere Erklärung, die vielleicht sogar noch verstörender ist, wir können gar nicht anders als ‘social’. Das menschliche Gehirn ist zutiefst sozial voreingestellt (zum social default mode siehe unten). Es liegt – evolutionär gesehen – in unserer Natur uns mit anderen Menschen zu verbinden. Vergleichsweise unreif geboren konnten menschliche Babies nur überleben, weil es eine starke Eltern-Kind-Bindung gibt. Erwachsene konnten nur überleben, weil sie Teil einer Gruppe waren. Vieles was den Menschen ausmacht, hat einen engen Bezug zu anderen Menschen.  Im Laufe des Lebens lernen wir von anderen. Wir lernen dabei nicht nur, uns deren Verhalten abzuschauen. Wir lernen auch, das Verhalten der anderen zu verstehen, weil wir deren Perspektive einnehmen können. Durch Sozialisation übernehmen wir die Normen unserer Gruppe, die Bestandteil unseres Selbstbildes werden. Die Fähigkeit der Selbstkontrolle gibt uns die Möglichkeit, in Harmonie mit der Gruppe zu leben und einen Beitrag zur Gruppe zu leisten. Schmerzen, die durch soziale Ereignisse ausgelöst werden (Trennung, Tod von Nahestehenden, Bullying etc.) fühlen sich so real an wie Schmerzen durch physische Einwirkung. [6] Unserer Drang in Übereinstimmung mit der Gruppe zu sein, führt so weit, dass wir wider besseres Wissen im Sinne der Gruppe denken und handeln. [7]

Diese menschliche Disposition machen sich die sozialen Medien zunutze und uns ausnutzbar.

Über features und exploits

Wie die Software des Computers Schwachstellen für Schadsoftware (exploits) bietet, so ist unser Gehirn anfällig für die Features der Apps auf unseren Smartphones. Hier ist eine kleine Auswahl an Exploits und Features, die im Endeffekt dazu führen, dass wir uns so häufig und so lange mit dem Internet und vor allem auch mit Sozialen Medien beschäftigen.

Die soziale Voreinstellung (“social default mode”) des Gehirns

Wenn wir gerade nichts zu tun haben, was unsere Aufmerksamkeit und geistige Kraft erfordert, macht das Gehirn nicht etwa eine Pause. Einige Regionen bleiben nach wie vor aktiv. Bemerkenswerterweise sind das genau die Regionen, die aktiviert werden, wenn Forscher soziale Kognitionen untersuchen. Erklärt wird diese soziale Voreinstellung des Gehirns u.a. damit, dass es für den sozialen Erfolg des Menschen in der Gruppe evolutionär entscheidend darauf ankam, jederzeit das Verhalten der anderen Gruppenmitglieder zu interpretieren. [6]

Damit wird auch klar, warum so viele Leute in geistigen Ruhephasen umgehend das Handy zücken. Soziale Voreinstellung, Neugier und Spieltrieb gehen Hand in Hand: Was gibt es neues aus meinem sozialen Netzwerk? Wer ist gerade verfügbar für ein Online-Spiel? Dank dem Handy tragen wir “anyone anytime, anywhere” bei uns und sind so gut wie immer “on”. Und damit das so bleibt geben, die Apps Kontaktvorschläge, bieten an, unsere Kontakte zur App einzuladen oder verschicken ohne unser Zutun Einladung an unsere (zuvor ausgelesenen) Kontakte.

Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit

Dazuzugehören ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis. Wir brauchen ein Minimum an dauerhaften, positiven und bedeutsamen zwischenmenschlichen Beziehungen. Das Gefühl der Zugehörigkeit ist entscheidend für unser Wohlbefinden. Vereinzelung oder Vereinsamung haben gravierende physische und psychische Folgen. [8]

Auch dieses Bedürfnis wird befriedigt. In Online-Communities finden Gleichgesinnte zusammen, Fotofreunde z.B. bei flickr. Menschen, die das gleiche Schicksal haben (z.B. eine schwere Erkrankung), helfen einander in Online-Gruppen. Und Dating Communities bieten die Möglichkeit, einen Partner zu finden.

Die Reziprozitäts-Regel

Reziprozität beschreibt das Gefühl, einen Gefallen erwidern zu müssen. Dieser starke Impuls ist universell und war vermutlich evolutionär mit einem Vorteil verbunden. Wer einem Gruppenmitglied aus der Patsche half, durfte das nächste Mal bei eigenen Problemen auf dessen Unterstützung zählen. Trittbrettfahrer hingegen mussten mit der Missbilligung durch die Gruppe oder gar dem Ausschluss aus der Gruppe rechnen. Der Impuls zur Reziprozität ist so stark, dass er gegen uns verwendet werden kann, z.B. in einer Verkaufssituation, wenn der Verkäufer uns eine Gratisprobe aufdrängt, in der berechtigten Hoffnung, dass wir dann das Produkt kaufen, weil wir uns verpflichtet fühlen. [9]

Reziprozität spielt auch in den Sozialen Medien eine große Rolle. Social Media Manager folgen, um bei Twitter Reichweite aufzubauen, anderen Twitter-Mitgliedern, in der Hoffnung, dass sie zurückgefolgt werden. Wer auf Facebook oder Xing/LinkedIn eine Kontaktanfrage von jemandem bekommt, der nur ganz entfernt bekannt oder sogar unbekannt ist, der wird sie im Zweifel annehmen.

Status und Soziale Anerkennung

Die Stellung in der Gruppe ist für das Individuum hochrelevant, denn sie entscheidet über den Zugang zu den Ressourcen der Gruppe. Entsprechend sensibel sind Menschen für Signale, die die eigene soziale Stellung betreffen und senden Signale aus, die von der eigenen Stellung künden. [10]

Im Internet ermöglichen das Interaktionsmechanismen wie Likes und Kommentare. Wer etwas postet, hofft auf anerkennendes Feedback der Fans oder Follower und ist enttäuscht bis frustriert, wenn es ausbleibt. Unter manchem Post toben Kommentarschlachten in denen es den Beteiligten schon längst nicht mehr um das kontroverse Thema geht, sondern nur noch um die Herabsetzung des Gegners bzw. der gegnerischen Gruppe.

Konformität und Bestätigungsfehler (confirmation bias)

Zwei weitere Schwachstellen werden von Social Media Features vielleicht nicht direkt angezapft, haben aber Einfluss auf das Verhalten in den sozialen Medien.

Konformität beschreibt das Bestreben, in Übereinstimmung mit den Denk- und Verhaltens-Normen der Gruppe zu bleiben. [7] Das Konformitätsstreben sorgt nicht nur dafür, dass wir uns nur extrem selten offen gegen die Meinung der eigenen Gruppe stellen. Es kann sogar dazu führen, dass wir trotz des offensichtlichen Gegenbeweises bei der falschen Gruppenmeinung bleiben. Ein besonders krasses Beispiel von „ich-sehe-was-wir-glauben“ liefern die Anhänger von Donald Trump. Ihnen wurden Bilder von der Amtseinführung von Trump und Obama gezeigt. Immerhin 12 % der Trump-Anhänger bezeichneten die Menschenmenge auf dem Bild der Amtseinführung von Trump als größer, was im krassen Widerspruch zur Wirklichkeit steht. [11]. Das Social-Media Konformitäts-Feature schlechthin, ist das Like bei Facebook. Meines Wissens hat nur youtube eine dislike-Möglichkeit.

Der Bestätigungsfehler beschreibt die Neigung, nur nach Informationen zu suchen, die die eigene Ansicht (oder die der eigenen Gruppe) bestätigen und widersprechende Informationen auszublenden oder abzuwerten. So gelingt es dem Individuum, kognitive Dissonanzen zu reduzieren, die durch den Widerspruch ausgelöst werden. Zusammen mit dem Hang zur Konformität sorgt der Bestätigungsfehler dafür, dass sich Gruppenmitglieder gegen widersprechende Informationen immunisieren. Der Drang, kognitive Dissonanzen zu beseitigen, geht so weit, dass einzelne Gruppenmitglieder versuchen Menschen mit gegenteiliger Meinung zu bekehren, um darin Bestätigung für die Gruppenmeinung zu finden. [12]

Auf den Punkt gebracht

Das Internet hat in kurzer Zeit eine bemerkenswerte Entwicklung durchgemacht. Etwa ab den 90er Jahren wurde es einer breiteren Schicht als Medium für Information und deren Austausch zugänglich. Ebenfalls bereits in den 90ern begann die Kommerzialisierung durch Verkaufsplattformen. Mit Blogs und virtuellen Communities wurde das Internet dann persönlicher, bevor es schließlich ‘social’ wurde. Gefördert wurde diese Entwicklung durch die Allgegenwart des Smartphones. Diese Entwicklung war – im Nachhinein – absehbar; denn das soziale Internet ist Ausdruck der sozialen menschlichen Natur. Mit Funktionalitäten, die der sozialen Natur des Menschen entsprechen, haben es die Plattformen geschafft, unsere sozialen “Schwachstellen” auszunutzen und sich unverzichtbar zu machen.

[1] stellvertretend: Nimrod, G. (2013). Challenging the Internet Paradox: Online Depression Communities and Well-Being. International Journal of Internet Science, 8(1).

[2] Gesundheitsstadt Berlin (2018). Wie süchtig machen soziale Medien? (DAK-Studie)

[3] Zum Beispiel der Internet Addiction Test

[4] Füller, C. (2016). Die neue Volksdroge. Der Freitag 25/2016 

[5] WHO (2018). Gaming disorder

[6] Lieberman, M. D. (2013). Social: Why our brains are wired to connect. OUP Oxford.

[7] Asch, S. E. (1956). Studies of independence and conformity: A minority of one against a unanimous majority. Psychological monographs: General and applied, 70(9), 1.

[8] Baumeister R. F., & Leary M. R. (1995). The need to belong: Desire for interpersonal attachments as a fundamental human motivation. Psychological Bulletin, 117, 497-529. 

[9] Cialdini, R. B. (2007). Influence: The psychology of persuasion. New York: Collins.

[10] Van Vugt, M., & Tybur, J. M. (2015). The evolutionary foundations of hierarchy: Status, dominance, prestige, and leadership. The handbook of evolutionary psychology (2nd ed.). Hoboken, NJ: Wiley.

[11] Schaffner, B. & Luks, S. (2017). This is what Trump voters said when asked to compare his inauguration crowd with Obama’s. The Washington Post 

[12] Tavris, C., & Aronson, E. (2008). Mistakes were made (but not by me): Why we justify foolish beliefs, bad decisions, and hurtful acts. Houghton Mifflin Harcourt.

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