Das 3+3 des digitalen Storytelling

Story_telling

Der Mensch ist ein „Storytelling Animal“, er denkt in Geschichten. Kein Wunder also, dass Geschichten Hochkonjunktur in der digitalen Kommunikation haben. Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler und Professor an der Uni Tübingen, definierte in einem Vortrag auf der Internetkonferenz Republica (#rpTEN) drei Faszinationsgeheimnisse von Geschichten – und drei Gefahren des digitalen Storytelling.

Drei Geheimnisse guter Geschichten

Geschichten sind mächtig, das ist also unbestritten. Sie erregen Aufmerksamkeit, rufen Gefühle wach, schaffen Verbundenheit, liefern uns Erklärungen. In der digitalen Kommunikation wird die Kraft des Storytelling sehr häufig eingesetzt. Denn so erreicht man mehr Menschen. Bernhard Pörksen macht dafür drei wesentliche Merkmale verantwortlich.

1. Geschichten sind auf archetypische Weise aktuell: Gute Geschichten enthalten Botschaften, die über die Erzählung hinausweisen. Die Botschaft weiß demnach mehr als die Geschichte selbst, ist größer als die eigentliche Erzählung. Es gibt Erzählebenen, die auf uralte Bilder, Themen und Konflikte hinweisen, auf Menschheitsthemen – Archetypen, die sehr oft nur als Subtext vorhanden, also implizit enthalten sind: Zusammenleben der Kulturen, Umgang mit Gefahren, Streit und Versöhnung, Familienkonflikte etc. Diese Themen, in einen aktuellen Zusammenhang gestellt, sind für alle Menschen in irgendeiner Weise bedeutsam und erzeugen deshalb mehr Resonanz.

2. Geschichten nutzen starke Symbole: Gute Geschichten leben nicht immer von vielschichtigen Protagonisten, nutzen aber immer starke Symbole, um ihre Kernbotschaft zu transportieren. Symbole sind häufig bildhaft (Metaphern, Icons, Logos). Das ist jedoch keine zwingende Voraussetzung. Gegenstände, Themen, Settings, Protagonisten und Klischees können ebenfalls als Bedeutungsträger funktionieren. Symbole erleichtern das Weitererzählen.

3. Geschichten lassen Räume für Fantasie: Gute Geschichten nennen nicht alles beim Namen und folgen nicht unbedingt linearen Handlungsplänen. Sie lassen Leerstellen, die mithilfe von Fantasie und Erfahrungswissen gefüllt werden müssen. Mit anderen Worten: Gute Geschichten enthalten Geheimnisvolles und laden auf diese Weise dazu ein, sich über sie auszutauschen.

Digitales Storytelling – 3 Gefahren

Geschichten sind mächtig. Macht hat jedoch auch eine dunkle Seite, wie wir Neuzeitmenschen seit Star Wars wissen. Und diese dunkle Seite verlangt uns Vorsicht ab. Aus drei Gründen, wie Bernhard Pörksen meint:

1. Digitales Storytelling sorgt für eine plötzliche Dominanz der einen Geschichte: Geschichten, die viral gehen, müssen ja gut sein. Wirklich? In Zeiten, in denen uns das Internet mit den Möglichkeiten der perfekten Erfolgsmessung gesegnet hat, scheint Viralität ein Zeichen von Qualität zu sein. Doch Viralität ist eigentlich nur eine Folge der genauen Rezeptionsbeobachtung, wie Pörksen es nennt. Das heißt, Redaktionen und Influencer sind in der Lage, in Echtzeit zu verfolgen, wer wann mit welchem Gerät was wie lange anschaut und was er oder sie anschließend tut. So lässt sich verfolgen, welche Geschichten in einem kleinen Teil der Welt bzw. in einer Teilöffentlichkeit des Internet Aufmerksamkeit bekommen. Und das sind die Kandidaten, die von sogenannten „Erregungsplattformen“ zum Hype hochgepusht werden und sich rasend schnell in Netzwerken verbreiten. Aber auch genauso schnell wieder verschwinden. Strohfeuer, die kurzzeitig hohe Rauchsäulen fabrizieren und Wärme versprechen, die sie nicht liefern können.

2. Digitales Storytelling kommerzialisiert das Geschichtenerzählen: Geschichten zeichnen sich traditionell durch die Idee der Autorenschaft, durch eine tieferliegende Wahrheit und durch Originalität aus. In der digitalen Welt degeneriert jedoch die Autorenschaft zur Fiktion, die Wahrheit zum Effekt und die Originalität zum emotional aufbereiteten Inhalt (Stichworte: Remixing, Resampling, Recycling). Die „postmoderne Erregungsindustrie“ droht durch Schrill-Schrill, Superlative und Reichweitengier Geschichten ihrer Kraft zu berauben. Werden Geschichten wahllos und über die Maßen eingesetzt und werden sie für die Erreichung ökonomischer Ziele missbraucht, geht nicht nur ein wichtiges Kulturgut verloren, sondern viel mehr. Ein weites Feld für die medienwissenschaftliche Forschung.

3. Digitales Storytelling fördert Hysterisierung: Geschichten erzeugen auf dem globalen Resonanzboden des Internet eine plötzlich einsetzende Erregung: schnell entsteht hohe Verbreitung. Ein und dieselbe Geschichte kann jedoch von verschiedenen Parallelöffentlichkeiten unterschiedlich interpretiert und benutzt werden. Sogenannte Bestätigungsmilieus vereinnahmen Storys und setzen sie zur Erreichung ihrer Ziele ein. Durch diese Gleichzeitigkeit von sich wiedersprechenden Wahrheiten entstehen asymmetrische Konstellationen: Teilöffentlichkeiten prallen aufeinander. Dies kann die Spaltung und Radikalisierung von Gesellschaften begünstigen.

Der „Storybias“

Ein Bias ist eine Verzerrung und tritt als einseitige Perspektive in Erscheinung. Ein Bias sorgt dafür, dass wir eine Situation oder einen Sachverhalt falsch einschätzen. Storytelling ist im Moment sehr positiv konnotiert, was jedoch nicht bedeutet, dass es unkritisch jederzeit und in jeder Situation eingesetzt werden kann. Deshalb wünscht sich Bernhard Pörksen am Ende seines Republika-Vortrags einen bewussteren Umgang mit Geschichten: mit dem Erzählen, dem Kommentieren und dem Teilen. Einen Umgang, der dazu führt, dass wir uns den Gefahren genauso bewusst werden, wie uns die Vorteile bereits sind. Im digitalen Zeitalter sind alle Internetnutzer auch zu Internetmachern geworden. Ein bewusster Umgang in der Rolle eines Internetnutzers heißt, sich auch mal Storys zu entziehen. In der Rolle des Internetmachers heißt es, Storys verantwortungsvoll einzusetzen.

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