Was macht eigentlich gute Videos aus?

Video unterstützt in vielen Bereichen die Ausbildung und in Online-Kursen sind Lehrvideos oft ein zentraler Bestandteil. Video transportiert die Inhalte sowohl auditiv als auch visuell und schafft so eine multisensorische Lernumgebung, von der es heißt, dass sie besonders lernförderlich sei. Dass multisensorische Lernumgebungen lernförderlich sein können (und unter welchen Bedingungen sie es sind), ist in Laborexperimenten mehrfach untersucht worden. In der Praxis herrscht dennoch Verunsicherung darüber, was wirklich gute Videos ausmacht.

Ein kurzer Überblick über die Vor- und Nachteile

Mit der technologischen Entwicklung wurde es immer einfacher, Videos selbst zu erstellen. Überzeugende Ergebnisse lassen sich heute schon mit einem Smartphone und entsprechenden Apps erzielen. Facebook ermöglicht es z. B., einfachste Videos nur mit Bildern und Hintergrundmusik in kürzester Zeit zu erstellen. Die Erwartungen an das Format Video sind entsprechend hoch. Wie alles so hat auch die Verwendung von Videos Vor- und Nachteile: Hier sind ein paar, auf die man immer wieder stößt.

Beispiele aus dem Internet für Vor- und Nachteile von Videos

VorteileNachteile
Das Videoformat ist vergleichsweise stärker darin, die Nutzer für die Inhalte zu interessieren und zu engagieren.Das Medium Videos selbst garantiert noch keine Qualität und schlechte Videos schaden mehr als dass sie nützen.
Videos reduzieren die Leselast und befreien von der Eintönigkeit des Lesens und Blätterns.Videos fördern die Vereinzelung des Lernenden, was das Lernen erschweren kann.
Multisensorisch aufbereitete Inhalte sind verständlicher und verkürzen die Informationsverarbeitungszeiten.Videos werden nur selten zu Ende geschaut.
Die multisensorische Aufbereitung fördert das Verstehen und das Behalten von Informationen.Die Produktion von Videos ist zweitaufwändig, teuer (Ausrüstung, Logistik der Erstellung) und es müssen neue Fragen geklärt werden (Wo soll das Video abgelegt werden? etc.)
In einem Video lässt sich etwas leichter demonstrieren als in einer textlichen Beschreibung.Videos stellen Anforderungen an die Ausstattungen des Lernenden (genügend Bandbreite, Endgeräte zum Abspielen etc.)
Anhalten und Vor- und Zurückspulen ermöglicht mindestens so flexibles Lernen wie Vor- und Zurückblättern.Es ist eine Menge Arbeit, ein Video zu bearbeiten und neu herauszugeben, wenn Korrekturen nötig sind.
Videos eignen sich besonders für die mobile Nutzung.
Die Produktion von Videos wird immer einfacher und billiger.

Eines fällt bei dieser Aufzählung auf: Es scheint so, als liefe es auf einen trade-off zwischen einerseits den (unterstellten) Vorteilen für den Nutzer und andererseits den (unterstellten) erhöhten Anforderungen an den Produzenten hinaus. Allerdings ist das Kostenthema heute bei Weitem nicht mehr so brisant.

Die Qual der Wahl

Vor allem aber geht bei dieser Auflistung unter, dass Video nicht gleich Video ist. Je nach Anbieter dominieren ganz unterschiedliche Stile. Der über alle Anbieter am häufigsten verwendete Video-Stil ist der Talking Head gefolgt von Slideshows mit und ohne Sprecher. Teilweise variiert die Verwendung eines Stils je nach Anbieter beträchtlich (z.B. bei der Slideshow mit Sprecher).

Was meinen eigentlich die Nutzer dazu?

Bislang fokussierte die Betrachtung auf den Anbieter. Doch was schätzen eigentlich die Nutzer an Videos. Mittlerweile liegen auch hierzu erste systematische Ergebnisse vor allem aus dem universitären Bereich und der MOOC-Bewegung vor:

  • Videos werden stärker genutzt, wenn sie in einen Zusammenhang eingebettet sind: Videos werden häufiger angesehen, wenn die im Video vermittelten Inhalte zur Lösung einer Aufgabe oder für einen Diskussionsbeitrag im Kurs gebraucht werden. „Stand-alone-Videos“ schneiden entsprechend schlechter ab. [2]
  • Videos sollten so kurz wie möglich sein: Ob nun das optimale Video nicht länger als vier Minuten dauert, sei einmal dahingestellt. Nutzer aber schätzen es eindeutig, wenn man auf den Punkt kommt: Je länger ein Video desto höher die Abbruchrate. Wer viel Inhalt über Video vermitteln will, sollte das also keinesfalls in ein Video packen. Vielleicht ist auch eine Sequenz aus Video – Übung – Video – Übung etc. sinnvoll. [3]
  • Ein Video wird nicht linear angesehen, die Nutzer interagieren mit dem Video: Die Interaktion zeigt sich besonders bei Video-Tutorials. Sie sind häufig als Schritt-für-Schritt-Anleitungen aufgebaut, wobei nicht alle Schritte gleich einfach sind und die Nutzer schwierige Stellen häufiger ansteuern. Aber auch Videos nach Art einer Vorlesung haben Stellen die häufiger angesteuert werden, z. B. wenn zwischen einer Vortragsfolie und dem Talking Head gewechselt wird. Alles was diese Interaktion und einen selektiven Konsum erleichtert (z. B. eine minutenweise Gliederung mit Einsprungstellen insbesondere zu Schlüsselstellen im Video) ist für den Nutzer vorteilhaft. [3] Interaktivität scheint auch der Schlüssel dafür zu sein, die Abbruchrate zu senken. [4]
  • Mobile ist schön, aber es ist nicht zwingend: Ausbildungsinhalte werden nach wie vor auf dem PC (oder Laptop) konsumiert. Smartphone und Tablet spielen eine untergeordnete Rolle. Auf den ersten Blick widerspricht das der Dominanz von Mobile, die man täglich selber erlebt. Aber es wird eben Zuhause oder im Büro gelernt und weitaus seltener an der Haltestelle und im öffentlichen Verkehrsmittel. [2]
  • Videos müssen gegenüber Text einen wahrnehmbaren Vorteil bieten: Nutzer greifen in der Regel Visualisierungen gerne auf. Denn ein Bild zu zeigen, ist einfacher als es zu beschreiben. Aber das Videoformat wird nicht per se als besser eingestuft. Insbesondere muss es einen Mehrwert gegenüber reinem Text bieten. Wer also ein Video machen möchte, sollte auch etwas zu zeigen haben. [2, 5]
  • Von Videos wird mehr erwartet, z. B. dass sie unterhaltsam sind: Gerade in Videos, in denen eine Person im Vordergrund steht, schätzen es die Nutzer, wenn das Thema z. B. mit Humor vermittelt wird, eine Erwartung, die an einen Fachtext so nicht gestellt wird. [2] Außerdem ist es wichtig, sich vor Augen zu halten, dass fachliche Expertise allein noch keine medial und didaktisch gut aufbereiteten Videos garantiert. [5]

Auf den Punkt gebracht

An anderer Stelle (bfd-infoline 3/17, S. 12-13) sind bereits zwei Punkte festgehalten worden, die aber auch hier ihre Geltung behalten haben: Videos sind sinnvoll, wenn es etwas zu sehen gibt und in der Kürze liegt die Würze. Wegen des noch immer höheren Aufwands ist es zudem grundsätzlich ratsam, den Einsatz von Videos strategisch zu planen und Videos in ein mediales und didaktisches Gesamtkonzept einzubetten.

 

Weiterführende Hinweise

 [1] Reutemann, J. (2016). Differences and Commonalities–A comparative report of video styles and course descriptions on edX, Coursera, Futurelearn and Iversity. M. Khalil, M. Ebner, M. Kopp, A. Lorenz y M. Kalz, Proceedings of the European Stakeholder summit on experiences and best practices in and around MOOCs (EMOOCS 2016), 383-392. https://www.researchgate.net/publication/296331322_Differences_and_Commonalities_-_A_comparative_report_of_video_styles_and_course_descriptions_on_edX_Coursera_Futurelearn_and_Iversity

[2] Hibbert, M. C. (2014). What makes an online instructional video compelling?.Educause Review Online.https://er.educause.edu/articles/2014/4/what-makes-an-online-instructional-video-compelling

[3] Kim, J., Guo, P. J., Seaton, D. T., Mitros, P., Gajos, K. Z., & Miller, R. C. (2014, March). Understanding in-video dropouts and interaction peaks inonline lecture videos. In Proceedings of the first ACM conference on Learning@ scale conference (pp. 31-40). ACM. (https://dash.harvard.edu/bitstream/handle/1/30856855/81292876.pdf?sequence=1)

[4] Geri, N., Winer, A., & Zaks, B. Probing the Effect of Interactivity in Online Video Lectures on the Attention Span of Students: A Learning Analytics Approach. (http://www.openu.ac.il/innovation/chais2017/a2_3.pdf)

[5] Hansch, A., McConachie, K., Schmidt, P., Hillers, L., Newman, C., & Schildhauer, T. (2015). The role of video in online learning: findings from the field and critical reflections. TopMOOC Research Project, Alexander von Humboldt, Institut für Internet und Gesellschaft. (http://www.hiig.de/wp-content/uploads/2015/02/TopMOOC_Final-Paper.pdf)

Print this pageEmail to someoneShare on FacebookTweet about this on TwitterGoogle+

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.