„Können wir Facebook wieder dafür nutzen, wofür es ursprünglich gemacht wurde – um nachzuschauen, wie fett der Ex-Partner geworden ist?“ (Bill Maher)

Unlängst machte Apple-CEO Tim Cook von sich reden, als er sich dafür aussprach, die Nutzung von Technik in Schulen einzuschränken und durchblicken ließ, dass er seinem Neffen verboten habe, in sozialen Netzwerken aktiv zu sein. Und Sean Parker, Mitgründer von Napster und langjähriger Berater von Facebook, wird mit den Worten zitiert: „Gott allein weiß, was Facebook mit den Gehirnen unserer Kinder macht.“ Social Media hat ein Problem und das nicht erst seit der unrühmlichen Rolle von Facebook im amerikanischen Wahlkampf. Plattformen, deren selbst-erklärtes Ziel es ist, uns alle einander näher zu bringen und glücklich zu machen, scheinen das Gegenteil zu bewirken.

Sag mir, was du postest und ich sag dir, wie du bist.

Eine interessante Einsicht vorneweg: Bemerkenswerterweise ist gerade das häufig genannte Argument, soziale Medien würden zur hemmungslosen Selbstdarstellung verleiten und genutzt widerlegbar. Denn anders als gemeinhin angenommen, entspricht das Online-Verhalten recht gut dem Offline-Verhalten (1).

Wenn dem so ist, dann kann es sinnvoll sein, sich den Zusammenhang von Persönlichkeitsmerkmalen und Posting-Verhalten näher anzusehen (2). Dafür wird ein Persönlichkeitsprofil erstellt und dann in Beziehung z. B. zur Facebook-Nutzung und zur Anzahl von Likes oder Kommentaren als Reaktion auf die Posts gesetzt. In einer solchen Studie zeigte es sich, dass das Persönlichkeitsprofil eines Teilnehmers nicht nur das Thema von Posts, sondern auch die Anzahl der Likes und Kommentare vorhersagte. Im Einzelnen wurde folgende Zusammenhänge hergestellt:

  • Personen mit hoher Ausprägung beim Merkmal Gewissenhaft sind organisiert und zielorientiert. Sie nutzten Facebook, um zu kommunizieren und Inhalte zu teilen und veröffentlichten bemerkenswerterweise mehr Status-Updates zu ihren Kindern.
  • Offenheit ist mit der Freude an neuen und ungewohnten Erfahrungen verbunden. Menschen bei denen dieses Persönlichkeitsmerkmal stark ausgeprägt ist, erstellten mehr Status-Updates zu „intellektuellen Themen“. Sie nutzen Facebook eher als Informationsquelle und weniger, um sich sozial mit anderen Nutzern zu verbinden.
  • Personen mit hohen Extraversionswerten sind gesellig und kontaktfreudig. Von ihnen wurde Facebook in erster Linie als Kommunikationsmittel genutzt und sie neigen dazu, häufiger über soziale Aktivitäten und das tägliche Leben zu posten.
  • Neurotizismus ist durch Ängstlichkeit und Unsicherheit charakterisiert. Teilnehmer mit einem hohen Anteil an Neurotizismus nutzten Facebook als Mittel zur Bestätigung: Sie posteten, um Unterstützung von Freunden für ihre Gefühle und Meinungen zu erhalten, wenn sie sich in ihren Ansichten isoliert fühlen.
  • Narzisstische Nutzer sind um ihre Selbstdarstellung besorgt und wollen beeindrucken und das eigene Bild bei anderen beeinflussen. Ähnlich wie bei Nutzern mit einem hohen Grad an Neurotizismus benutzten sie Facebook als Mittel für Bestätigung und Zusicherung von anderen. Narzissten neigten dazu, mehr Status-Updates zu veröffentlichen, die sich auf ihre persönlichen Leistungen im Leben beziehen (Diäten, Fitnessroutinen). Bestärkt wurden sie darin, da sie mehr Likes und Kommentare auf ihre Beiträge erhielten als die anderen Nutzer berichteten.
  • Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl nutzten Facebook eher für den Selbstausdruck („self-expression“) als zur Bestätigung. Waren sie in einer Beziehung, posteten sie mehr Updates mit ihrem Partner. Das wurde von den Forschern so gedeutet, dass sie den Anspruch auf ihren Partner so öffentlich deutlich machen wollten.

Der Einfluss der „dunklen Triade“

Nun sind Facebook und andere soziale Medien nicht dadurch ins Gerede gekommen, weil gewissenhafte Eltern zu viele Bilder ihrer Kinder oder Narzissten zu viele Bilder aus dem Fitness-Studio posten, sondern weil die sozialen Medien ein Problem mit Hass und psychischer Gewalt haben. Die Ursache ist unter dem Namen „dunkle Triade“ bekannt. Hierunter werden drei sich überlappende Persönlichkeitsmerkmale verstanden: Machiavellismus, Narzissmus und Psychopathie. Menschen mit einer stark machiavellistischen Ausprägung sind zynisch, prinzipienlos und sehen Manipulation als Schlüssel zum Erfolg. Narzissten zeigen Grandiosität, Anspruch, Dominanz und Überlegenheit. Beide Eigenschaften hängen eng mit der Psychopathie zusammen. Psychopathen zeigen ein niedriges Maß an Empathie, kombiniert mit einem hohen Maß an Impulsivität und der Lust am Nervenkitzel. Die Grenze zum Sadismus ist fließend (3).

Internet-Trolle sind durch eben solche Persönlichkeitsmerkmale gekennzeichnet (4). Trolle sind zwar nur eine Minderheit, sie stehen jedoch einer passiven Mehrheit gegenüber. Andere zu trollen, gibt ihnen den Kick, den sie suchen und so stimmen sie zum Beispiel Aussagen wie diesen zu:

  • Ich habe Spaß daran, Leute auf Schock-Webseiten zu schicken.
  • Ich mag es, Leute in Foren oder im Kommentarfeld von Websites zu trollen.
  • Ich genieße es, andere Spieler in Multiplayer-Spielen zu belästigen.
  • Je schöner und reiner eine Sache ist, desto befriedigender ist es, sie zu korrumpieren.

Eine weitere Studie (5)untersuchte, an welchen Profilen sich Trolle bevorzugt abarbeiten. Ein wichtiges Ergebnis: Wahrgenommene Popularität kann Aufmerksamkeit und Mobbing erregen. Die individuelle Ausprägung der Merkmale der dunklen Triade sagte unterschiedliche Verhaltensweisen gegenüber populären und weniger populären Facebook-Profilen voraus, wobei vor allem Psychopathie und Narzissmus mit populären Facebook-Profilen in Verbindung gebracht werden.

Machen soziale Medien einsam und neidisch

Aber man muss nicht gleich das Opfer von Trollen sein. Die Nutzung sozialer Medien scheint auszureichen. So wurde festgestellt (6), dass je intensiver Menschen Facebook beim vorherigen Mal nutzten, desto schlechter fühlten sie sich beim nächsten Mal. Und je stärker sie Facebook über zwei Wochen nutzten, desto mehr sank ihre Lebenszufriedenheit im Laufe der Zeit. Ein Effekt, den die direkte Interaktion mit anderen Menschen nicht hat. Der Effekt wurden auch nicht durch die Größe der Facebook-Netzwerke der Menschen, ihre wahrgenommene Hilfsbereitschaft, Motivation für die Nutzung von Facebook, Geschlecht, Einsamkeit, Selbstwertgefühl oder Depressionen moderiert.(6). Das Ergebnis reiht sich damit in die frühe Forschungen zur Entfremdung durch das Internet ein: Je intensiver Menschen das Web nutzten, desto einsamer und deprimierter fühlten sie sich. (7)

Als Ursache für die Verschlechterung der Lebenszufriedenheit wurde der Neid auf die „Facebook-Freunde“ identifiziert. Besonders betroffen sind die, die selber kaum in sozialen Netzwerken kommunizieren, sondern nur konsumieren. Bei manchen wiederum führt der Neid zu einer ausgeprägteren Selbstpräsentation im sozialen Netzwerk, was wiederum Neidgefühle bei anderen hervorruft. Neidobjekte Nummer 1 in Deutschland (sowohl offline als auch online) ist übrigens das Themen Reisen und Freizeit. (8)

Sind soziale Medien Ursache oder Symptom des Problems?

Nur weil Menschen von Natur aus soziale Wesen sind, sind sie nicht auch automatisch kompetent für den Umgang mit sozialen Medien. Offenbar muss der verantwortungsvolle Umgang damit gelernt werden. Und es muss möglich sein, Leute, die damit verantwortungslos umgehen, zur Rechenschaft zu ziehen. Gerade beim zweiten Punkt sind auch die Anbieter in der Pflicht. Denn es lässt sich auch eine positive Beziehung zwischen der Intensität der Nutzung sozialer Medien und der Lebenszufriedenheit und sogar Größen wie dem bürgerschaftlichen Engagement und der politischen Partizipation finden (9). Es kommt eben darauf an, wie der einzelne damit umgeht. Wer sich mit Menschen, die ihm etwas bedeuten, über gemeinsame Themen austauscht, dem geht es besser als demjenigen, der Posts mit großem Publikum durchscrollt und nur ein Klick-Feedback bekommt. (10)

Auch andere Medien wie das Fernsehen („Fernsehen macht dumm, dick und gewalttätig.“) hatten anfangs einen schlechten Ruf, doch im Laufe der Zeit konnten sie ihr positives Potenzial entfalten.

  1. Back, M. D., Stopfer, J. M., Vazire, S., Gaddis, S., Schmukle, S. C., Egloff, B., et al. (2010). Facebook profiles reflect actual personality, not self-idealization. Psychological Science, 21, 372–374. (https://www.simine.com/docs/Back_et_al_PSYCHSCIENCE_2010.pdf)
  2. Tara C., Lefringhausen, Katharina, Ferenczi, Nelli (2015).The Big Five, self-esteem, and narcissism as predictors of the topics people write about in Facebook status updates. Personality and Individual Differences 85,35-40, (https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0191886915003025)
  3. https://en.wikipedia.org/wiki/Dark_triad
  4. Buckels, Erin E., Trapnell, Paul B., Paulhus, Delroy L. (2014).Trolls just want to have fun. Personality and Individual Differences 67, 97-102. (https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0191886914000324)
  5. Lopes, Barbara, Yu, Hui (2017). Who do you troll and Why: An investigation into the relationship between the Dark Triad Personalities and online trolling behaviours towards popular and less popular Facebook profiles. Computers in Human Behavior 77, 69-76.(https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0747563217305034)
  6. Kross, E., Verduyn, P., Demiralp, E., Park, J., Lee, D. S., Lin, N., Ybarra, O. (2013). Facebook use predicts declines in subjective well-being in young adults. PLoS ONE, 8(8). Article ID e69841. (http://psycnet.apa.org/record/2013-30399-001)
  7. Kraut, Robert,Patterson, Michael,Lundmark, Vicki,Kiesler, Sara,Mukophadhyay, Tridas,Scherlis, William (1998). Internet paradox: A social technology that reduces social involvement and psychological well-being? American Psychologist, Vol 53(9), 1017-1031.(http://kraut.hciresearch.org/sites/kraut.hciresearch.org/files/articles/kraut98-InternetParadox.pdf)
  8. Krasnova, H., Wenninger, H., Widjaja, T., & Buxmann, P. (2013). Envy on Facebook: A Hidden Threat to Users’ Life Satisfaction?. Beitrag zu 11th International Conference on Wirtschaftsinformatik. (https://www.ara.cat/2013/01/28/855594433.pdf)
  9. Valenzuela, S., Park, N., Kee, K. F. (2009), Is There Social Capital in a Social Network Site?: Facebook Use and College Students‘ Life Satisfaction, Trust, and Participation1. Journal of Computer-Mediated Communication, 14: 875–901. (http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1083-6101.2009.01474.x/full)
  10. Burke, M., Kraut, R. E. (2016), The Relationship Between Facebook Use and Well-Being Depends on Communication Type and Tie Strength. J Comput-Mediat Comm, 21: 265–281. (http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/jcc4.12162/full)

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