Hörst Du schon oder liest Du noch?

Im Beitrag zum mobilen Lernen in diesem Blog-Beitrag hatte ich die Einschätzung wiedergegeben, dass Audio-Inhalte im Bereich der Fachinformation nicht so verbreitet seien. Die Einschätzung bezog sich auf die Medienform Podcast, also abonnierbare Audio-Inhalte,  und weniger auf das Hörbuch. Denn inzwischen gibt es eine Vielzahl von vor allem für ein breites Publikum geschriebenen Fachbüchern auch als Hörbuch. Meine Vermutung war, dass dem Sinneskanal  Hören nicht so viel zugetraut werde wie dem Sehen. Auf der Suche nach möglichen Ursachen für die Unterschätzung des Hörens bin ich auf zwei  Ansichten gestoßen, die mit daran Schuld sein könnten.

„Ich bin ja mehr der visuelle Lerntyp.“

Seit den 70er Jahren hält sich hartnäckig die Typisierung der Lernenden nach dem Sinneskanal (z.B. im deutschsprachigen Bereich die Lerntypen nach Vester [4]: auditiv, visuell, haptisch, intellektuell).  Nach dieser und ähnlichen Theorien hat jeder  Lernende einen dominanten/bevorzugten  „Kanal“ auf dem sie oder er besonders gut Informationen aufnimmt und verarbeitet. Wer also vom auditiven Typ ist, soll am besten durch das Hören lernen.  Um eine erfolgreiche Informationsbearbeitung zu ermöglichen, müsse man die Informationen daher typengerecht aufbereiten.  Allerdings konnte die Lernforschung dafür keine empirischen Belege finden.  Zwar ist jeder Lernende anders und es mag Lernende geben, die finden, dass sie effizienter sind, wenn sie etwas sehen (statt es zu hören).  Aber der spezifische Zusammenhang mit der Lernleistung ließ sich nicht nachweisen.  Hingegen besteht ein Zusammenhang mit dem Lerngegenstand:  Angenommen jemand  würde fragen: „Ich möchte Ihnen etwas beibringen. Was wäre Ihnen lieber: eine Reihe von Abbildungen, ein Text, ein Podcast oder die Aufführung in Form von Bewegungen?“  Wer würde die Frage sofort beantworten und nicht zuerst fragen, was gelernt werden soll:  eine Gleichung, ein Lied oder ein Tanz? [5]

„20 Prozent behält man beim Hören …“

Eine nicht minder problematische Behauptung liegt in der folgenden Aussage:  Der Lernerfolg erhöht sich in dem Maße, wie mehrere Sinneskanäle gleichzeitig beim Lernen eingesetzt werden:

  • 20 Prozent behält man beim Hören
  • 30 Prozent beim Sehen,
  • 50 Prozent, wenn man den Lernstoff sieht und hört
  • 70 Prozent, wenn man ihn sieht, hört und darüber spricht und
  • 90 Prozent, wenn man ihn sieht, hört, darüber spricht und selbst aktiv wird.

Oft wird der Sachverhalt als (Lern-)Pyramide dargestellt.

 

Eine praktische Konsequenz daraus: Video schlägt Audio. Doch das ist nicht haltbar.

Denn in der „Lernpyramide“ werden zwei vollkommen unterschiedliche Konzepte unzulässigerweise vermengt. Zum einen verbirgt sich dahinter der „Kegel der Erfahrung“ von Dale. Er schlug 1946 ein  Kontinuum  – und  keine Hierarchie – von unterschiedlichen Lehrmethoden vor. Dabei konnte mittlerweile nachgewiesen werden,  dass es keine allen anderen überlegene Methode gibt, sondern alle Methoden je nach Kontext effektiv sein können.  [3]Die Prozentangaben wiederum lassen sich auf einen Artikel im Journal of Education (Boston, 1913) zurückführen, in dem die Bedeutung des Lernens für das Tun i. S. der Montessori-Pädagogik hervorgehoben wird.  Einer empirischen Überprüfung halten die Zahlen nicht stand. [7]

Auf den Punkt gebracht

Wahrnehmen ist nicht Lernen. Um etwas zu lernen, muss – vereinfacht gesprochen – dem Sinneseindruck eine Bedeutung entnommen, mit dem Vorwissen verknüpft und wieder aufrufbar abgespeichert werden. Zwar ist für viele Menschen das Sehen ein dominanter Kanal. Er erweist sich aber nicht in jeder Situation als optimale Kanal.

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[1] Vester, F. (1975)  Denken, Lernen, Vergessen. Stuttgart. Deutsche Verlagsanstalt GmbH

[2] Riener, C., & Willingham, D. (2010). The myth of learning styles. Change: The magazine of higher learning, 42(5), 32-35. (->)

[3] Lalley, J. P., & Miller, R. H. (2007). The learning pyramid: Does it point teachers in the right direction?. Education, 128(1), 64.

[4] Betrus, A. (2016). The Corruption of Dale’s Cone of Experience  (->)

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