Herausforderung Webtext: Scannen oder Lesen?

Bildschirme vertragen sich nicht besonders gut mit Buchstaben. Das Flirren und Flackern des Bildschirmlichts sorgt für „bewegte“ Zeichen. Ergebnis: Das Lesen am Computer fällt schwerer als das Lesen auf Papier. Oft werden Bildschirmtexte deshalb nicht gelesen, sondern nur gescannt. Wer lange Texte verstehen will (oder muss) denkt meistens darüber nach, das Ganze lieber auszudrucken. Schont die Augen, erhöht das Sprachverständnis, erleichtert das Erinnern, so die landläufige Meinung. Doch das Ausdrucken des Internets ist nicht nur zeitintensiv, es ist auch schlecht für die Umwelt. Kann man es Bildschirmlesern leichter machen?

Was unterscheidet das Lesen am Computer von herkömmlichem Lesen?

Für die Augen ist das Lesen von Bildschirmtexten anstrengender als von gedruckten Texten. Das liegt daran, dass der Bildschirm eine direkte Lichtquelle ist, in die man hineinschaut. Beim Lesen von gedruckten Texten braucht man hingegen eine externe Lichtquelle. Das Licht trifft nicht direkt auf die Netzhaut, sondern wird vom Papier abgelenkt. Das ist für das Auge weniger anstrengend, es ermüdet nicht so schnell.

Ein anderer Grund liegt im Auflösungsgrad des Gedruckten. Text, der auf Papier gedruckt ist, ist hoch aufgelöst, in der Regel um die 2000 dpi (Dots per Inch). Die Auflösung am Bildschirm ist viel niedriger, meist so um 120 dpi. Es gilt: Je höher die Auflösung des Textes, desto weniger anstrengend ist das Lesen.

Ein anderer Unterschied hat mit der Rolle der Leser zu tun. Bildschirmtexte bieten weniger Orientierung als gedruckte Texte, die in der Regel von links nach rechts, Seite für Seite gelesen werden. Am Bildschirm stehen Navigationsmittel zur Verfügung, die es erlauben, Texte selbstinitiativ zu erkunden. Lineare und nichtlineare Strukturen sind gemischt, Leser haben durch Icons, Links und Layoutelemente die Möglichkeit, sich Texte so zu erschließen, wie sie möchten: von hinten nach vorn und zurück, abschnittsweise, mithilfe von Suchbegriffen usw.

 

Das Lesen am Bildschirm erfordert mehr Aktivität und verlangt mehr Zielgerichtetheit, damit der rote Faden nicht verloren geht. Dadurch fällt es vielen schwerer über längere Textstrecken hinweg aufmerksam zu lesen und das Gelesene zu behalten.

Was macht das Lesen am Bildschirm leichter?

Machen Sie es Ihren Lesern leicht, auf den ersten Blick zu erkennen, dass sich das Lesen lohnt. Mithilfe von SEO-Maßnahmen (Suchmaschinenoptimierung) sorgen Sie dafür, dass ihr Text von denjenigen Lesern gefunden wird, die darin eine Antwort auf ihre in die Suchmaschine eingegebene Frage finden.

Vertrauensfördernde Elemente, wie Autor, Datum, kenntlichgemachte Änderungen und Quellenangaben sorgen dafür, dass Leser den Text stärker wertschätzen. Es leuchtet ihnen ein, warum die angebotenen Inhalte Wert sind, Zeit dafür zu investieren.

Vieles, was für das Layout von gedruckten Texten gilt, sollte man auch bei Bildschirmtexten beachten. Im Blogbeitrag Texte grafisch gestalten – Was das Layout für die Verständlichkeit tut lesen Sie dazu mehr.

Darüber hinaus sollte man bei Bildschirmtexten ganz besonders auf die inhaltliche Struktur achten. Der Text sollte klar gegliedert sein in Einleitung, Hauptteil, Schluss und Zusammenfassung bzw. Fazit. Diese Einteilung sollte auf den ersten Blick, also beim Scannen der Seite, erkennbar sein.

Da Sie nicht wissen können, ob Leser bis zum Schluss durchhalten, stellen Sie die wichtigsten Informationen am besten an den Anfang, fügen Erklärungen und nützliche Details an und enden mit den Nice-to-have-Infos. Haben Sie dabei eine umgekehrte Pyramide im Kopf: Viel Wichtiges, wenig schmückendes Beiwerk. Oder auch: „Komm auf den Punkt, damit ich verstehe, was an deinem Thema interessant ist.“

Aussagekräftige Überschriften, gefolgt von Absätzen, die aus 2-5 Sätzen bestehen, erleichtern die Orientierung. Grafische Elemente, wie Icons, Textkästen, Farben, Grafiken, unterstützen den Inhalt und sorgen dafür, dass das Auge beim Scannen hängen bleibt. Sie dienen als Haltepunkte und Eintrittstüren in den Text.

Auch die Sprache hat Einfluss. Am besten sind die Sätze kurz und enthalten wenig Nebensätze. Einschübe sind selten. Aktive Verben und sparsamer Gebrauch von Nomen erleichtert es den Lesern, den Inhalt zu verstehen. Hervorhebungen, Listen und Zusammenfassungen helfen ihnen, sich an das Wesentliche zu erinnern.

Ergänzende Informationen sollte man besser auslagern, das heißt verlinken. Je nach Bedeutung für den Gesamtzusammenhang kann man Links am Ende des Textes einbetten, wie es hier zum Beispiel das IWW Institut macht.

Typisches Leseverhalten am Bildschirm

Die folgende Liste kann helfen, die Schwierigkeiten beim Bildschirmlesen besser zu verstehen.

  • Das Auge bewegt sich eher vertikal von links oben nach rechts unten über den Bildschirm. 70 % der Besuchszeit wird für das Lesen auf der linken Bildschirmhälfte aufgewendet. Die Fixationspunkte des Auges entspricht einem F-förmigen Muster. Deshalb gehören die wichtigsten Informationen und Schlüsselbegriffe links an den Anfang der Seite, der Überschriften, der Absätze.
  • Leser entscheiden innerhalb von 10 Sekunden, ob sie weiterlesen. 79 % der Leser scannen den Bildschirm lediglich. Layoutelemente helfen Lesern, in den Text einsteigen.
  • Das Lesen am Bildschirm dauert ca. 25 % länger als das Lesen von gedruckten Texten. Deshalb sollte man den Text gut gliedern und aktive Sprache verwenden.
  • 80 % der Leser scrollen nicht nach unten. Deshalb sollte man längere Texte auf mehrere Seiten aufteilen.

Fazit

Machen Sie es Bildschirmlesern so einfach wie möglich, bereits beim Scannen der Internetseite zu erkennen, ob das Textangebot ihre Fragen beantwortet. Setzen Sie dafür sowohl inhaltliche als auch grafische Strukturelemente ein und verwenden Sie aktive Formulierungen und kurze Sätze.

Quellen:

Ergonomische Kriterien zur Darstellung von Texten im Web

https://wiki.infowiss.net/Ergonomische_Kriterien_zur_Darstellung_von_Texten_im_Web

Miriam Löffler: Think Content! Galileo Computing, Bonn, 2014

 

Print this pageEmail to someoneShare on FacebookTweet about this on TwitterGoogle+

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.