Gefühle bei die Fakten?

Emotionalisierung ist ein Merkmal von Fake News. Immer dann, wenn Sie eine Nachricht lesen, die Sie besonders empört, sollten Sie sich fragen, wo Ihre Empörung herrührt. Oft sind emotionalisierte Botschaften weniger vertrauenswürdig oder führen bewusst in die Irre. Allerdings gilt auch: Ohne Gefühle bleiben Fakten blutleer. Wie müssen Botschaften und Nachrichten sein, damit sie uns erreichen?

Niemand wird berührt von Zahlen und Details – seien sie auch noch so korrekt und bedeutsam für die Menschheit. Bestes Beispiel: Die drohende Erderwärmung. Kaum jemand zeigt sich geschockt, wenn er liest, dass es im Durchschnitt 2 Grad wärmer wird. Schnell folgt der Fehlschluss: 2 Grad wärmer – heißt das, dass es statt 36 Grad im Sommer 38 Grad warm wird? Warum soll das ein Problem sein?

Der Begriff durchschnittlich macht hier den Unterschied. Was 2 Grad mehr im Durchschnitt bedeuten, wissen auch die Wissenschaftler nicht vorauszusagen. Aber spätestens seit Sommer 2017 können selbst hartnäckige Zweifler erahnen, dass sich die Welt durch den Temperaturanstieg grundlegend verändern wird. Wenn wir Bilder von überfluteten oder verdorrten Landstrichen sehen, wenn wir Geschichten von Menschen hören, die alles verloren haben, dann begreifen wir plötzlich, wie ernst die Lage ist, was 2 Grad plus für jeden einzelnen von uns bedeuten könnte. Diejenigen, die sich mit dem Thema bereits beschäftigt haben, wissen, dass diese Beispiele nur die Spitze des Eisbergs sind.

Und obwohl die Erderwärmung längst nachgewiesen ist, wir längst wissen, dass die Zeit zum Handeln immer knapper wird, obwohl wir wissen, was getan werden muss, um den Klimawandel abzumildern, fällt es uns schwer, ins Handeln zu kommen – jedem einzelnen und der Politik insgesamt. Das hat auch mit der Kommunikationsstrategie zum Klimawandel zu tun. Denn bleiben wir nah an dem, was wissenschaftlich korrekt ist, fehlt das Fleisch: Wir spüren nichts. Erzählen wir Horrorstorys, droht Abstumpfung und der Vorwurf der Angstmache.

Ein Dilemma: Ohne Einbettung in Sinnzusammenhänge werden Fakten weniger wahrgenommen und weniger gut behalten. Gefühle helfen uns dabei, Zahlen und Listen in Beziehung zu unserem eigenen Leben zu bringen. Zu viel Gefühl wiederum wirkt effektheischend, moralisierend und unglaubwürdig.

Was tun, um Fakten interessant zu machen, ohne sie zu verfälschen?

Kontext! Und damit ist eigentlich schon alles gesagt. Das ist ein schönes Beispiel für fleischloses Faktennennen, nicht wahr? Der Inhalt stimmt, denn Kontext ist wirklich Key, wie man so schön sagt. Aber das allein hilft noch nicht viel weiter. Machen wir es also konkret. Und kommen damit schon zum nächsten Merkmal der wirkungsvollen Faktenübersetzung.

Beispiele liefern konkreten Kontext. Sie sind also ein gutes Mittel, um zu erklären, wie sich etwas im echten Leben auswirkt. Aber ein Beispiel allein bleibt eine Anekdote, ein Einzelfall. Deshalb ist es wichtig, das Beispiel als Pars pro Toto zu behandeln, also als Großes im Kleinen, als Sinnbild für den großen Zusammenhang. Damit das gelingt, brauchen wir Nachweise: Quellenangaben, Rechenbeispiele, Zitate von Experten, historische Ereignisse. Die Beispiele müssen in einen größeren Zusammenhang gebracht werden.

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Die correctiv-Geschichte zeigt: Die Sprache muss nicht emotional sein. Nur an einigen Stellen wurden starke Adjektive wie „dramatisch“ eingesetzt. Das Knochengerüst der Daten setzt Fleisch an, indem es auf einer Landkarte platziert wird, durch Fotos der Gegend Gesichter bekommt, konkret wird. Indem Ursachen und Folgen hinzugenommen werden. Die Journalisten bleiben nicht nur beim Einzelereignis Zahl, nicht nur beim Einzelereignis Expertenmeinung, nicht nur beim Einzelereignis Zitat. Sinnzusammenhänge entstehen dadurch, dass man sich die Arbeit macht, sie herzustellen und zu erklären, wie man zu seiner Aussage kommt.

Nicht immer kann man wie hier visualisieren. Manchmal hat man nichts anderes als Sprache zur Verfügung. Dann geht es darum, dieses Mittel möglichst gut zu nutzen: Emotionale Haken durch Sprachbilder zu setzen, mit Assoziationen zu spielen und starke Adjektive auszuprobieren.

Fazit

Obwohl wir uns immer mehr Informationen in immer kürzerer Zeit beschaffen können, nimmt die Glaubwürdigkeit der einzelnen Meldung permanent ab. Wir sind von zu vielen Wahrheiten umgeben und haben gelernt, dass viele Wahrheiten zu Lügen werden, wenn wir sie genauer anschauen. Das untergräbt die Vertrauenswürdigkeit der einzelnen Meldung. Dem kann man nur begegnen, indem man Belege hinzufügt, Sinnzusammenhänge herstellt, Kompliziertes erklärt. Doch dafür braucht man Zeit und Platz.

Das Internet bietet den Platz für solche größeren Zusammenhänge und stellt auch die multimedialen Möglichkeiten zur Verfügung. Dass wir uns mehr Zeit nehmen sollten beim Aufbereiten von Informationen und beim Konsumieren, müssen wir neu lernen. Die Fakten brauchen nicht mehr Gefühl, sie brauchen mehr Kontext.

 

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