Fachlich richtig, aber unverständlich?

Experten erkennt man häufig daran, dass sie die Sprache ihres Fachgebietes besonders gut beherrschen. Expertise in einem bestimmten Gebiet zu haben, ist in der Regel mit hohem Ansehen verbunden. Menschen gefällt es, wenn sie anerkannt werden für ihre Leistungen. Und wie könnte man Sachverstand schneller und einfacher beweisen als durch den Gebrauch von möglichst vielen Fachbegriffen?

Von wegen Fachchinesisch

Fachbegriffe können die Kommunikation erheblich vereinfachen. Sie funktionieren wie ein Code: Wer den Code kennt, kann mitreden – und gehört somit zum Kreis der Fachleute. Fachsprache kann also Gruppen definieren, das heißt, sie kann Grenzen ziehen. Daraus ergibt sich aber auch das Gegenteil: Fachsprache schließt Menschen aus, die sie nicht beherrschen und kann dadurch die Kommunikation erheblich erschweren – je nachdem, wer spricht und wer zuhört.

Wie Angehörige einer Berufsgruppe untereinander kommunizieren, ist durch Traditionen und Sachzwänge geprägt. Es gibt viele Situationen, in denen es sinnvoll ist, einen Sprachcode anzuwenden. Diesen Situationen ist gemeinsam, dass alle Gesprächspartner die Fachsprache beherrschen. Das ist zum Beispiel in Fachabteilungen so oder bei Fachkonferenzen.

Mit der richtigen Sprache Brücken bauen

Auch Fachzeitschriften dürfen Fachsprache verwenden. Doch häufig verzichten sie darauf. Warum? Kurze Antwort: Weil sie gelesen werden möchten. Die etwas längere: Weil Texte, die viele Fachbegriffe enthalten, durch passive Satzkonstruktionen geprägt sind. Diese Sätze sind oft lang, enthalten überdurchschnittlich viele Nomen und wenig Verben. Sie entsprechen demnach nicht den Kriterien des Hamburger Verständlichkeitskonzepts – ein Konzept, mit dem sich die Verständlichkeit von Texten anhand von vier Kriterien beurteilen lässt. Mehr über verständliche Texte und Tools lesen Sie hier: http://www.wissenskurator.de/693-2/#more-693.

Immer dann, wenn man gut verstanden werden möchte, sind Fachbegriffe also ein Problem. Bessere Texte entstehen, wenn sich die Schriftsprache der gesprochenen Sprache annähert – ohne flapsig zu sein. Das heißt, Umgangssprache hat in einem Fachtext nichts zu suchen, kurze Sätze, einfache Worte und anschauliche Beispiele durchaus. Denn genau sie tragen dazu bei, dass Sachverhalte besser verstanden werden und Texte leichter lesbar sind. Wichtige Voraussetzungen dafür, dass sie überhaupt erst gelesen werden.

Für viele Experten ist es jedoch schwierig Texte zu verfassen, die nicht dem Branchencode folgen. Es widerspricht dem, was an Universitäten gelehrt und in Berufsausbildungen verlangt wird. In der Folge sorgen sich viele um ihr Ansehen, wenn ihre Texte nicht genügend Fachbegriffe enthalten. Hier hilft es, sich klarzumachen, an wen sich der Text richtet – die Zielgruppe beim Schreiben klar in den Blick zu nehmen.

Besonders herausfordernd ist die interdisziplinäre Kommunikation. Denn Fachleute unterschiedlicher Disziplinen verstehen sich nicht besonders gut, wenn jeder auf seinem Sprachcode beharrt. Hier gilt es, eine gemeinsame Sprache zu etablieren bzw. zu ihr zurückzufinden. Eine Aufgabe, die eine gute Fachredaktion leistet: Ein Sprachmanual zu entwickeln, das auf die Zielgruppe zugeschnitten ist, der Verständlichkeit dient und dabei nicht zu stark vereinfacht.

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